Auf den zweiten Blick

Meine Kolumne im Hauptstadtbrief

6. März 20201

Vor ziemlich genau sechs Jahren erschien der Roman Unterwerfungvon Michel Houellebecq. Er hat seine Leserschaft polarisiert. Literatur sei nicht Realität, sagten seine Befürworter, sondern eine – in diesem Fall – dystopische Versuchsanordnung, in der Houellebecq aus der Sicht eines Intellektuellen die Abschaffung der Demokratie mit den Mitteln der Demokratie durch eine französische Muslimbruderschaft beschreibt. Vielen jedoch ging diese Versuchsanordnung zu weit, war zu radikal, zu provokativ, zu unrealistisch. Vielleicht auch zu bedrückend.

Beklemmend an jenem Buch ist sicher nicht allein die Vorstellung, irgendwann in einer islamischen Republik leben zu müssen. Beängstigend ist vielmehr, wie der Autor die Motivlage der geistig-kulturellen Elite in Szene setzt: zutiefst verführbar durch das Autoritäre, die Macht, um daraus Vorteile zu ziehen und demokratische Überzeugungen kurzerhand über Bord zu werfen.

Sechs Jahre später liefert nun die amerikanische Publizistin Anne Applebaum dazu eine höchst persönliche gesellschaftspolitische Analyse. Die Verlockung des Autoritären heißt ihr Buch auf Deutsch, das dem Aufschwung autoritärer Tendenzen in westlichen Demokratien nachspürt. Die Autorin zeigt dabei auf die wohl verletzlichste Stelle unserer Gesellschaften: die Anfälligkeit ausgerechnet der intellektuellen Eliten für das Autoritäre, die Houellebecq seinerzeit so trefflich beschrieb.

Es gab in den vergangenen Jahren viele Autoritarismus-Studien. Sie brachten hervor, was man so oder so kaum glauben mag, dass nämlich in jedem von uns der Hang zum Autoritären schlummert und dass er bei etwa einem Fünftel der Bevölkerung relativ leicht zu wecken ist. Die Debatte hat sich dabei weitgehend auf jene Teile der Bevölkerung konzentriert, für die das Autoritäre als Alternative zum Demokratischen vermeintlich attraktiv sein könnte: die Enttäuschten oder gar Abgehängten, die Verlierer der globalisierten Moderne.

Wenn Applebaums Beobachtungen stimmen, ist es viel schlechter um uns bestellt: Es sind die intellektuellen Eliten, die den allgemeinen Hang zum Autoritären für Demokratien so bedrohlich machen. Denn auch oder gerade in ihrer Schicht ist er tief verwurzelt. Autoritäre Bewegungen werden von oben, nicht von unten organisiert. Sich mit dem Autoritären zu arrangieren, wenn nicht sogar zu verbünden, es noch zu befördern, ist fatalerweise gerade für die Eliten von Vorteil. Denn es ermöglicht ihnen gesellschaftlichen Machtzuwachs.

Applebaums These zugespitzt: Ohne die intellektuellen Eliten ist der jüngste Aufstieg autoritärer Bewegungen nicht denkbar. Wieder einmal, denkt man sich da. Ein Blick in die Geschichte zeigt vielfältig, dass diese Erkenntnis nicht neu ist, aber leider immer noch wahr und so beängstigend logisch.

27. Februar 2021

 

Grenze-Werte

Öffnen oder nicht öffnen – das ist die Frage, die am kommenden Mittwoch zwischen der Bundeskanzlerin und den Ministerpräsidenten verhandelt wird. Die unlängst festgelegten Inzidenzwerte der Kanzlerin machten eine Verlängerung des Lockdowns zwingend – wohl mindestens bis Ostern. Gleichwohl zeichnen sich vorsichtige Lockerungen ab. Das passt nicht zusammen.

Doch passt in der Corona-Krise noch viel mehr nicht zusammen. Die erste Pandemie klingt ab, eine zweite, bald wohl dritte baut sich auf. Die Impfdosen wurden so spät bestellt, dass sie die Verbreitung von Corona-Mutanten nicht mehr bremsen können. Dazu kommt, dass tausende Dosen ungenutzt bleiben. Bedenklicher noch: Die Bevölkerung, die sich 12 Monate lang en gros gehorsam an die vorgegebenen Beschränkungen gehalten hat, wird unruhig. Dank der vorausschauenden, restriktiven Politik der Bundeskanzlerin sei Deutschland vergleichsweise glimpflich durch die pandemische Krise gekommen, sagen jetzt die Mahner. Deshalb müsse man durchhalten. Aber stimmt das überhaupt?

Der glimpfliche Verlauf liegt sicher nicht an Merkels vermeintlich kluger Corona-Politik. Allzu klug ist ihre Strategie nämlich nicht, navigiert ihre Bundesregierung doch noch genauso durch das Infektionsgeschehen wie noch vor einem Jahr, als hätte sie in den vergangenen zwölf Monaten nichts lernen können. Im internationalen Vergleich glimpflich davongekommen ist Deutschland vor allem aufgrund der enormen Staatsgläubigkeit seiner Bürger. Wenn der Staat etwas vorschreibt, dann halten sie sich daran. Diese bürgerliche Staatsgläubigkeit hat Tradition. Man könnte fast sagen, sie gehört zur DNA des zentraleuropäischen Bürgerdaseins. Das ist für Regierungen ungemein praktisch. Deutschland ist, wenn Kollateralschäden des Staatshandelns mit Geld kompensiert werden, leicht zu regieren.

Dass selbst der Staat mitunter überfordert ist, merken die des Lockdowns müden Bürger jetzt. Sie sind des Regierens über die Verbreitung von Angst und Schrecken überdrüssig. Mehr noch, immer weniger Bürger können nachvollziehen, warum trotz unterschiedlichen Infektionsgeschehens alles überall gleich gehandhabt werden soll. So kann und wollen sie nicht leben.

Der anschwellende Unmut hat sich bis in die obersten Regierungskreise herumgesprochen. Merkel hat angeblich eine Strategie, über die wir am Mittwoch mehr erfahren werden. Bayerns Markus Söder ist derweil vorgeprescht und hat noch vor der nächsten Coronarunde konkrete Öffnungsschritte angekündigt. Er weiß, warum: Die Bürger hierzulande sind zwar keine Revolutionäre. Doch sie wissen genau, ab wann sie sich den Vorschriften einfach entziehen. Die Staatsgläubigkeit hat sogar bei den so braven Deutschen ihre Grenzen. Da bleibt selbst Merkel zum Öffnen keine Alternative.

 

 

 

13. Februar 2021

"Ich mag Bitcoin irgendwie."

 

Wild geht es an den Weltbörsen zu und zunehmend unübersichtlich. Das liegt unter anderem an einem ganz neuen Phänomen. Nicht mehr Unternehmensnachrichten bestimmen die Aktienkurse oder – analytisch weitgehend fundierte – Anlageempfehlungen der Finanzinstitute. Nein, an den Börsen regieren zunehmend die „Influencer“. Sie analysieren nichts, sondern begründen ihre Empfehlungen meist – ja, wie eigentlich? – aus dem Bauch heraus. Prominentestes Influencer-Beispiel: der Turbo-Unternehmer Elon Musk, der den Kurs der Kryptowährung Bitcoin mit Twitter-Nachrichten nach oben trieb. Unlängst ließ er dann noch alle wissen, dass sein Automobilkonzern Tesla 1,5 Milliarden Dollar in Bitcoin angelegt hat – und allein durch diesen Tweet wurde er noch einmal reicher, genauso wie die, die ihm gefolgt sind. Geht es dort noch mit rechten Dingen zu?

Allemal heikel ist die Frage danach, wie es sich verhält, wenn die Meinungsmacher selbst von ihrer Meinungsmacht profitieren, sich vor einem Tweet in bestimmten Papieren positionieren und dann mit ihrem Gezwitscher den Kurs genau jener Aktien beflügeln. Reguliert sind derlei Handhabungen nicht. Wie auch? Das Phänomen ist schließlich neu.

Früher gab es mal eine „Anlagetechnik“, die sich Frontrunning nannte. Börsenmakler zogen mit Großaufträgen ihrer Großkunden an den Markt. Da sie aufgrund der Aufträge die künftige Kursentwicklung einer Aktie abschätzen konnten, investierten sie kurz vor Platzierung der Kunden-Order erstmal auf eigene Rechnung oder auf die ihres Arbeitgebers und „erwirtschafteten“ beträchtliche Gewinne. Seit 2004 ist diese Variante des Insiderhandels verboten und wird bestraft. Nur im Hochfrequenzhandel machte diese Börsenpraktik vor ein paar Jahren noch einmal Furore.

Vor gut zehn Jahren trieben es ein paar Finanzjournalisten reichlich unverfroren, schrieben Kurse „nach oben“ und kassierten im Hintergrund kräftig mit. Die Staatsanwaltschaft beschuldigte gut 30 Börsenbriefschreiber der Marktmanipulation.

Auch Influencer Musk hat mit seinen Tweets die Kurse einzelner Titel befeuert, neben Bitcoin die Kryptowährung Dogecoin sowie den Messanger-Dienst Signal. „Ich liebe Etsy irgendwie“, war ein weiterer Tweet. Und wieder schoss der Kurs der Aktie in die Höhe. Vielleicht hat seine Frau oder ein Freund vorher rein zufällig in Etsy-Aktien investiert. Wer weiß das schon, wie es die Börsen-Influencer mit eigenen Investments halten.

Derzeit ist vor allem das Produkt-Marketing von Influencern im Visier der Gesetzgeber und soll künftig aus Gründen des Verbraucherschutzes reguliert werden. Bald wird sich die Legislative wohl auch für den neuen Typus des Bör

 

 

Samstag, 30. Januar 2021

Zäsuren

Man kann Sterne sprechen. Und auch Unterstriche. Nachrichtensprecher und Moderatoren tun es inzwischen und sonst alle, die einer geschlechterneutralen Sprache das Wort reden. Was die Autorin dieser Zeilen augenscheinlich nicht tut, sonst hätte sie Nachrichtensprecher*innen oder Moderator*innen geschrieben.

Unübersehbar geht es an dieser Stelle um das Gendersternchen, diese kleine Applikation am Ende eines generischen Maskulinums, hinter den dann noch die weibliche Form gesetzt wird, das „innen“ also. Die Sprechanweisung des Sternchens ist denkbar simpel: Mit einer Zehntelsekunde Verzögerung, einer klitzekleinen Aufmerksamkeitszäsur stolpert das „innen“ hinterher.

Die Argumente dafür sind hinreichend diskutiert: Wenn Sprache das Denken prägt, dann befördert die Benutzung des generischen Maskulinums die unbewusste Voreingenommenheit in unseren Köpfen. Jene nämlich, dass es in unserer Gesellschaft vor allem um die Männer geht.

Nur, stimmt das eigentlich? Wer sagt denn, dass man, wenn von Lehrern im generischen Maskulin die Rede ist, wenn also Lehrerinnen auch gemeint sind, sofort ein ausschließlich männliches Kollegium vor Augen hat? Genau das ist sicher nicht der Fall. Denn das Gros des Lehrpersonals ist weiblich. Bei Ingenieuren verhält es sich anders. Weil Ingenieurinnen noch immer in der Unterzahl sind, wird man bei Gebrauch des Maskulinums tatsächlich eher an Männer denken. Und wenn man von Flugbegleitern spricht, kommt vielen sicher erst einmal die Armada von Stewardessen in den Sinn, die ihre Rollkoffer in Richtung Ausgang ziehen. Hingegen würde bei Räubern, Dieben, Betrügern, Schlägern, Rechtsradikalen, Steuerhinterziehern oder Alkoholikern wahrscheinlich kaum jemand sofort an Frauen denken. Genauso wenig allerdings, wenn von „dem Vorstand“ gesprochen wird, weil Leadership in Deutschlands Unternehmen noch immer männlich ist. Ob allein das Wort „Vorständ*innen“ daran etwas ändern würde?

Nicht die Sprache prägt die Wahrnehmung des Geschlechts, sondern die Erfahrung. Es gibt mehr männliche Kriminelle als weibliche, mehr Männer in Technikberufen, mehr Frauen in der Pädagogik der Sekundarstufe 1 und 2. Es wäre schön, wenn sich die Geschlechter gleichmäßiger auf die Berufe und auch die Macht verteilten. Doch erreicht man das mit einer geschlechterneutralen Sprache? So lange das Gehirn mehr männliche Monteure sieht als weibliche, wird auch ein Monteur*innen nichts daran ändern. Es gibt viele Möglichkeiten, Geschlechtergerechtigkeit in einer Gesellschaft zu befördern. Ein erzwungenes Sternchen gehört sicher nicht dazu. Zumal „frau“ bei so manchem generischem Maskulin tatsächlich lieber außen vor bleibt.

Samstag, 16. Januar 2021

Mea (ex)clulpa

Köln ist eine zutiefst katholische Stadt. Und Kardinal Rainer Maria Woelki ihr oberster, zutiefst konservativer Katholik. Im größten Bistum der Bundesrepublik mit rund zwei Millionen Mitgliedern spitzt sich derzeit ein Konflikt zu, den die Kirche so gar nicht gebrauchen kann. Selbstherrlich hält Woelki ein Gutachten zum Missbrauch in der Diözese zurück, das seine Deutungshoheit über das Kirchengeschehen untergraben könnte. Das Ganze toppt er mit dem Versuch, ausgerechnet Journalisten als Gegenleistung für immerhin ein wenig Einblick zur Verschwiegenheit zu verpflichten, was an Widersinnigkeit kaum zu überbieten ist. Nicht nur in Köln ist die Aufregung groß.

Man könnte diesen neuen Vorfall in der unendlichen Geschichte des massenhaften klerikalen Missbrauchs und seiner Vertuschung genüsslich zu einem weiteren kirchentypischen Großskandal aufblasen. Man kann den Fall allerdings auch unter dem Aspekt eklatanten Führungsversagens analysieren, das schwachen Führungspersönlichkeiten eigen ist, von denen sich nicht nur in der Kirche so viele finden. Denn bei ihnen paart sich Überheblichkeit mit mangelnder Souveränität, eine teuflische Kombination, die einen offenen Umgang mit dem eigenen Führungsversagen auf geradezu selbstzerstörerische Weise vereitelt. Besonders anfällig dafür sind wert- und strukturkonservative Organisationen, zu denen die katholische Kirche an vorderster Stelle gehört.

Warum ist das so? Übertriebener Wert- und Strukturkonservatismus führt dazu, dass bei der Auswahl von Personal für Führungspositionen vor allem die Linientreue den Ausschlag gibt und die eigentlich erforderlichen Führungsqualitäten in nachgerade fataler Weise in den Hintergrund treten. Mehr noch, sie sind meistens gar nicht gewünscht. Geistige Unabhängigkeit, Innovationsfreude und vor allem Charisma gelten in solchen Organisationen als Störeigenschaften, die dem Konservatismus zuwiderlaufen. Diejenigen, die Positionen auf derart patriarchalische Weise besetzten, sind sich dessen zudem meist überhaupt nicht bewusst. Dieses Strukturphänomen kennzeichnet nicht nur die Kirche, es tritt häufig genug auch in Unternehmen auf. Dort allerdings wird es – mit welchem Ergebnis auch immer – auf Dauer vom Wettbewerb korrigiert.

In der katholischen Kirche ist das anders. Da gehen auch die Geschichten anders aus. Nämlich so wie bei Woelki. Ihm ist die Luft ausgegangen. Er hat sich inzwischen hilflos an die nächsthöhere Institution gewandt – den Vatikan. Ausgerechnet der soll prüfen und richten. Eine Lösung aber sollten die Kölner Katholiken vom Vatikan besser nicht erwarten. Sollte der Kölner Kardinal tatsächlich zur Buße verdonnert und ersetzt werden, folgte ihm ein anderer, der nach gleichen Kriterien ausgewählt wäre wie sein Vorgänger. In der katholischen Kirche geht das seit mehr als einem Jahrtausend so.

Samstag, 2. Januar 2021 

Das Wesentliche 

Furios sollte das Beethoven-Jahr werden, glanzvoll und strahlend. Aber genau das war es nicht. Wir haben von der Musik dieses Jahrhundertgenies im 250. Jahr nach seiner Geburt nicht allzu viel gehört. Schon gar nicht live. Statt eines rauschenden Fests, das mit unzähligen Events so hingebungsvoll geplant worden war, blieben die Sitzreihen leer, die Saaltüren verschlossen. Ausgerechnet im Beethoven-Jahr dominierte die Stille. Wir haben seine Musik auf Streaming-Plattformen und in Funk- und Fernsehen mancherorts verfolgen können – meist allein. Aber wir konnten sie kaum gemeinsam erleben. Für die kurze Phase der vorsichtigen Öffnung von Konzertsälen im Spätsommer verschwand so mancher erwarteter Genuss hinter dem Erschrecken über spärliche Saalbesetzung, dünnen Applaus und der aufs Peinlichste bedachten Einhaltung von Hygienekonzepten. Ein Fest sieht anders aus.

Beethoven gilt als Komponist der Ideen und Ideale. Er war ein Tonkünstler, der in seiner Musik die gesellschaftlichen Themen der historischen Umbruchzeit, in der er lebte, verhandelte und dabei in der Lage war, sie derart auf das Wesentliche zu verdichten, dass seine rund 240 Werke, seine Sinfonien, Klavierkonzerte und Streichquartette ihre Aktualität nie verloren haben. Mit seiner Musik hat er die Zeitläufte damals kommentiert und tut es bis heute – unerschütterlich hoffnungsfroh, im vollen Vertrauen in das Entwicklungspotential des Menschen und seine Kraft, Dinge zum Positiven zu wenden. Die Urgewalt seiner Musik hätten wir dieses Jahr gut gebrauchen können, den Trost, den man in ihr finden kann, den Humor, den Witz, nicht nur die Schwere, gerade auch deren Leichtigkeit. Doch es sollte alles anders kommen. Was also bleibt?

Das Bemerkenswerte an diesem in der Musikwelt so ungewöhnlichen Jubiläumsjahr ist tatsächlich die Stille. Sie vereitelte jeden Versuch, die Werke dieses singulären Komponisten bis zum Abwinken zu reproduzieren und seine Persönlichkeit unter dem Kitsch und Kommerz eines zum Popstar verklärten Genies zu begraben.

Mehr noch, ausgerechnet durch die Stille im Beethoven-Jahr wird das wohl dringlichste Anliegen des Komponisten augenfällig: die Erzeugung von Gemeinsinn durch gemeinschaftliche ästhetische Erfahrungen, die gar nicht unbedingt Beethovens Werke selbst oder nur klassische Musik zum Inhalt haben müssen, die aber berühren, begeistern, aufwühlen, verstören und versöhnen können. Beethoven wusste darum, wie wichtig solche Gemeinschaftserlebnisse für den Zusammenhalt einer Gesellschaft sind. Genau das hat er in seinen Symphonien besungen und als Künstler in seinen Akademien organisiert. Für jedermann. Manchmal begreift man erst, wenn etwas nicht ist, was es ist: Das gemeinschaftliche, direkte, ja, das physische Erfahren von Kunst ist nicht weniger als eine Frage des sozialen Überlebens.

Samstag, 19. Dezember 2020

Wellenbrecher 

Die Untergangspropheten – vorzugsweise Soziologen – haben seit einigen Wochen ein neues Thema. Und sie haben es – noch schneller als sonst – bereits mit Namen versehen: Generation Corona. Kaum mehr ein halbes Jahr Pandemie-Krise haben sie benötigt, um nicht nur eine ganze Generation zu identifizieren, sondern ihr auch schon die Zukunftschancen abzusprechen. Corona erschwere den jungen Erwachsenen im Alter zwischen 18 und 20, vielleicht auch 23 Jahren die Übergänge von der Schule in die Ausbildung und von Ausbildung und Studium in den Beruf. Nicht nur, dass diese jungen Menschen deshalb zutiefst verunsichert seien. (Sind sie das wirklich?) Sie häuften mit der Virus-Krise zudem Warte- und Leerzeiten an, die ihnen später im Wettbewerb auf dem Arbeitsmarkt gegenüber den wieder unbeschwert Nachrückenden kaum mehr aufzuholende Nachteile verschafften. Verlorene Zeit – verlorene Generation.

Stimmt das eigentlich? Kann man schon jetzt davon sprechen, dass eine ganze Generation verloren zu gehen droht?

Sicher nicht. Denn es verhält sich keinesfalls so, als würde diese fast verloren gegebene Generation durch Corona nichts lernen. Im Gegenteil: Sie lernt viel Wichtigeres als das, was auf den Lehrplänen der Schulen, Berufsschulen oder gar Universitäten steht. Sie lernt, dass nichts wirklich sicher ist im Leben und dass es sich lohnt, in Krisen kreativ zu werden. Ja, dass diese sogar die Chance bedeuten können, Wünsche und Entscheidungen noch einmal zu überdenken. Die jungen Menschen lernen eine höhere Frustrationstoleranz und mehr Flexibilität. Soll ihnen das tatsächlich zum Nachteil gereichen?

In den Recruiting-Abteilungen großer Unternehmen setzt sich zunehmend die Tendenz durch, Lebensläufe junger Menschen nicht nur nach in möglichst kurzer Zeit Erreichtem zu beurteilen, sondern in ihnen nach den Brüchen zu suchen, nach Fehlentscheidungen und Richtungswechseln. Warum? Weil nur in solchen Situationen nachweislich all das gelernt werden kann, was man später im Berufsleben tatsächlich braucht. Wer wie ein Schnellboot durch die Wellen gleitet und nicht ein einziges Mal vom Kurs abkommt, wird daran nicht reifen. Die Vorstellung, dass nur ein friktionsloser Lebenslauf ein guter ist, gilt längst als überholt.

Natürlich gibt es von Armutsrisiko und Bildungsferne betroffene gesellschaftliche Schichten, in denen die Krise jungen Menschen wirklich zusetzt. Dort wird sich die Politik etwas überlegen müssen. Aber dort sammelt sich nicht die Mehrzahl des Nachwuchses, der jetzt zum Umdenken gezwungen wird. Das Gros der jungen Erwachsenen wird sich von einer Pandemie nicht geschlagen geben und nicht nur für das Berufsleben Entscheidendes gelernt haben: Sicherheit ist längst nicht selbstverständlich. Genau das wird ihr Vorteil sein.

Samstag, 5. Dezember 2020 

Realiter 

Angst und Gier sind Kurstreiber an den Börsen. Derzeit ist viel von Gier die Rede. Mitten in der Coronakrise bewegen sich die Aktienkurse seit Wochen wieder auf Rekordniveau. Es gibt sogar einen Index, der die Gemütslage der Investoren misst: Der „Angst-und-Gier-Index“ des Nachrichtensenders CNN. In Phasen der Gi

Genaugenommen nichts. Erstens sind Aktien stets marktgerecht bewertet, denn die Papiere werden schließlich am Markt gehandelt, wo sich aus Abermillionen Käufen und Verkäufen der Preis ergibt. Und von der Realität können sich die Kurse zweitens nicht entkoppeln, denn auch der Aktienmarkt mit all seinen verschiedenen Einflussfaktoren ist real, nicht irreal. Allenfalls könnte man behaupten, die Aktienkurse hätten derzeit ein Niveau erreicht, das deutlich über einer an der Realwirtschaft orientierten Bewertung liege. Nur, woran genau bemäße die sich dann?

Wenn in der Welt die Zeichen auf Krise stehen und der Wachstumstrend versiegt, müssten eigentlich auch die Kurse fallen. Denn Unternehmen verdienen dann nicht mehr so gut. Hinter diesem vermuteten Grundzusammenhang, nach dem Börsenentwicklungen immer beurteilt werden, verbirgt sich allerdings ein sehr mechanistisches Verständnis der Aktienmarktentwicklung, das schon vor Jahrzehnten seine Gültigkeit teilweise verloren hat. Es gab und gibt immer wieder Phasen, in denen die Wirtschaft schrumpft, die Kurse aber steigen und umgekehrt.

Und was ist mit der Gier? Auch die kann man derzeit getrost in Zweifel ziehen. Es ist vor allem Kalkül, das die Kurse treibt. In Phasen hoher Liquidität und Minuszinsen gibt es kaum Alternativen, sein Geld werterhaltend anzulegen. Dazu gesellt sich die Hoffnung auf ein Ende der Pandemie durch neue Impfstoffe sowie auf einen politischen und wirtschaftlichen Neubeginn in den Vereinigten Staaten. Selten war die starke Nachfrage nach Aktien transparenter. Natürlich werden die Kurse auch wieder fallen. Nur wann – das weiß derzeit wohl niemand. Der Angst-und-Gier-Index ist dabei wenig hilfreich. Doch wenn es so weit ist, werden die Crash-Propheten wieder einmal behaupten, sie hätten alles kommen sehen, es sei die Gier gewesen.

er steigen die Kurse, in denen der Angst dagegen fallen sie. Gemessen an diesem Index sind die Anleger derzeit besonders gierig.

Gier – eine der sieben Todsünden – gilt nicht nur als allgemein verwerflich, sie ist auch niemandem geheuer. Laut wird deshalb seit längerem vor ihr gewarnt. Im Börsenjargon klingt das so: Die Aktien seien nicht mehr marktgerecht bewertet, die Kursentwicklung habe sich von der Realität entkoppelt, weil zu viel Gier die Hausse nähre. So kann man es sehen, doch was sagt uns das?

21. November 2020 

Titelei

Franziska Giffey wankt. Ihre Doktorarbeit wird erneut auf Plagiate geprüft. Es kann gut sein, dass sie den Titel bald nicht mehr führen darf. So viel Glück, wie vor gut vier Jahren der heutigen EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen beschieden war, die ungeachtet des Plagiierens auf 27 von insgesamt 62 Seiten ihrer medizinischen Dissertation den Zusatz „Dr.“ – aus welchen Gründen auch immer – nicht aberkannt bekam, dürfte Giffey wohl nicht zuteil werden. Dass sie den Titel nicht mehr will, hat sie öffentlichkeitswirksam bereits verkündet, um damit ihr politisches Aus zu vereiteln. Es war die Flucht nach vorn. Nicht ganz unrecht hat sie, wenn sie schreibt, der Wert ihrer politischen Arbeit heute oder morgen könne nicht nur daran bemessen werden, ob sie vor langer Zeit geschludert oder gar betrogen hat.

Wie auch immer die Sache ausgeht – für die Wissenschaft in Deutschland ist jede Zweifelhaftigkeit einer Dissertation ein Fall zu viel. Denn es steht sehr viel mehr als nur die Karriere eines Polit-Talents auf dem Spiel.

Forschung lebt von unbedingter Ehrlichkeit, ein Forschungsstandort vom Fleiß, der Akribie und Genauigkeit, der Neugierde und dem Erkenntnisdrang seiner Wissenschaftler. Dafür ist der Gebrauch von Quellen unerlässlich. Neue wissenschaftliche Erkenntnisse entstehen auf Basis früherer Forschungsergebnisse und sind nur dann valide, wenn ihre Genese von allen nachvollzogen werden kann, um wiederum neue Erkenntnisse daraus zu gewinnen. Genau deswegen ist akkurates Zitieren unerlässlich. Dabei ist Wissenschaft kein Selbstzweck. Sie soll, ja, muss die Gesellschaft, im besten Fall sogar die Menschheit weiterbringen.

Dissertationen, die primär des Titels wegen geschrieben werden, sind mehr als nur ein Ärgernis. Zweifelhafte Beispiele dafür gibt es reichlich, bei denen durchaus in Frage steht, ob den Forschenden tatsächlich am Erkenntnisgewinn gelegen war. Erkenntnisgewinn braucht Zeit, häufig mehr, als zu Beginn des Vorhabens veranschlagt. Zeit, die weder Franziska Giffey noch ein Karl-Theodor zu Guttenberg bereit waren einzusetzen. Die Anfälligkeit fürs Plagiieren ist bei derartigen Unterfangen bekanntlich besonders hoch.

Eine gewisse „Laxheit in Fragen geistigen Eigentums“, die der Künstler Bertolt Brecht einst einräumte, weil er für seine Dreigroschenoper ein paar Lieder ohne Quellenangabe verwendete, ist kein Versehen und kein Kavaliersdelikt – schon gar nicht in der Wissenschaft. Denn sie unterminiert das Wissenschaftssystem und bringt die Forschung in Gefahr. Darin liegt das eigentliche Drama um windige Doktorarbeiten wie etwa die von Giffey, die irgendwann mal ohne eingehende Prüfung die Hürde genommen haben, deren Zustandekommen die Universitäten im Nachhinein aber gar nicht akribisch genug aufarbeiten können.

Samstag, 7. November 2020 

Eisern

Während in ganz Deutschland die Restaurants wieder geschlossen haben, herrscht nicht nur im bekannten Pekinger Ausgeh-Viertel Sanlitun reges Treiben. Kaum noch jemand trägt Maske, die Menschen sind entspannt. Im ganzen Land ist das inzwischen wieder so. Die beneidenswert niedrigen Infektionszahlen in China sind offenbar keiner geschönten Statistik geschuldet, sondern Realität. China hat – anders als der Rest der Welt – die Pandemie im Griff. Wie kann das sein?

Der Katalog an Maßnahmen dort ist weitgehend bekannt: massenhaftes Testen, bereits bevor sich Symptome zeigen. Laborengpässe gibt es dort nicht. Dazu das schnelle Abriegeln lokaler Hotspots, die eiserne Kontrolle der Quarantäne, eine konsequente Nachverfolgung von Kontakten, der kein Datenschutz im Wege steht, und dazu strikte Einreisebeschränkungen.

Entscheidend für den Erfolg ist allerdings das gesellschaftliche Selbstverständnis der mehr als eine Milliarde Chinesen, das sich in den vergangen zweieinhalbtausend Jahren herausgebildet hat. Traditionelle, ehemals konfuzianisch geprägte Ordnungsvorstellungen haben ihre Wirkungsmacht bis heute nicht verloren. Dazu gehört die hohe Akzeptanz eines zutiefst paternalistisch organisierten Gemeinwesens, das es – Konfuzius’ Lehren hin oder her – gerade im Kommunismus zu neuer Blüte brachte. Der alte, straff durchorganisierte Beamtenstaat des Kaiserreiches, dessen Tentakel sich in die hintersten Winkel der Gesellschaft erstreckten und das Leben eines jedes Einzelnen mitbestimmten, ist trotz des Untergangs der Dynastien nie verschwunden. Im Gegenteil – er ist auf unheimliche Weise noch erstarkt. Auch die Kommunisten organisierten die Gesellschaft hierarchisch höchst kleinteilig in sogenannten Einheiten. Heute sind dies Nachbarschaftskomitees. Sie verstetigten damit das Blockwart-System, das es schon immer gab, um das Verhalten der Einwohner zu kontrollieren und dadurch das riesige Reich vor dem Zerfall zu schützen. Gegen umfassende soziale Kontrolle hat das Gros der Chinesen, weil sie es kaum anders kennen, nichts einzuwenden: Wer sich an alle gesellschaftlichen Regeln hält, kann sicher und friedlich leben. Seit zweitausend Jahren definiert die Mehrheit ihr Ich im Bezug zum Wir, nicht – wie im Westen – umgekehrt.

Wenn die Kanzlerin zu Beginn des neuerlichen Shutdowns an die Disziplin eines jeden Einzelnen appelliert, wohlwissend, dass sie damit kaum die Mehrheit der Bevölkerung erreicht, sind derlei Beschwörungen in China gar nicht nötig. Die soziale DNA sorgt schon per se für Wohlverhalten, der Rest ist dann Kontrolle.

Samstag, 24. Oktober 2020 

Wa(h)re Größe 

Entscheidend für den Erfolg ist allerdings das gesellschaftliche Selbstverständnis der mehr als eine Milliarde Chinesen, das sich in den vergangen zweieinhalbtausend Jahren herausgebildet hat. Traditionelle, ehemals konfuzianisch geprägte Ordnungsvorstellungen haben ihre Wirkungsmacht bis heute nicht verloren. Dazu gehört die hohe Akzeptanz eines zutiefst paternalistisch organisierten Gemeinwesens, das es – Konfuzius’ Lehren hin oder her – gerade im Kommunismus zu neuer Blüte brachte. Der alte, straff durchorganisierte Beamtenstaat des Kaiserreiches, dessen Tentakel sich in die hintersten Winkel der Gesellschaft erstreckten und das Leben eines jedes Einzelnen mitbestimmten, ist trotz des Untergangs der Dynastien nie verschwunden. Im Gegenteil – er ist auf unheimliche Weise noch erstarkt. Auch die Kommunisten organisierten die Gesellschaft hierarchisch höchst kleinteilig in sogenannten Einheiten. Heute sind dies Nachbarschaftskomitees. Sie verstetigten damit das Blockwart-System, das es schon immer gab, um das Verhalten der Einwohner zu kontrollieren und dadurch das riesige Reich vor dem Zerfall zu schützen. Gegen umfassende soziale Kontrolle hat das Gros der Chinesen, weil sie es kaum anders kennen, nichts einzuwenden: Wer sich an alle gesellschaftlichen Regeln hält, kann sicher und friedlich leben. Seit zweitausend Jahren definiert die Mehrheit ihr Ich im Bezug zum Wir, nicht – wie im Westen – umgekehrt.

Wenn die Kanzlerin zu Beginn des neuerlichen Shutdowns an die Disziplin eines jeden Einzelnen appelliert, wohlwissend, dass sie damit kaum die Mehrheit der Bevölkerung erreicht, sind derlei Beschwörungen in China gar nicht nötig. Die soziale DNA sorgt schon per se für Wohlverhalten, der Rest ist dann Kontrolle.

Wie Regierungen mit dieser Art von Monopolen umgehen können, weiß derzeit noch niemand. Mit dem Werkzeugkasten der alten Wirtschaftswelt ist deren Expansionsdrang nicht zu bremsen, weil das Preisargument nicht funktioniert. Doch ist nicht nur die überragende Marktmacht der vier Internet-Konzerne Google, Amazon, Facebook und Apple höchst umstritten. Auch ihre gesellschaftlichen Einflussmöglichkeiten bereiten Sorge. Ob sie diese mit unlauteren Mitteln aufgebaut und seither verteidigt haben, muss natürlich erst bewiesen werden. Amerika könnte als Erstes an Google ein Exempel statuieren.

Eines allerdings sollte man nicht vergessen: Ein solches Monopol entsteht zunächst nicht auf der Basis unlauterer Geschäftspraktiken, sondern aufgrund seines innovativen Angebots. Die Google-Suchmaschine bietet Ergebnisse faszinierender Qualität. Keinem anderen Anbieter ist es bisher gelungen, einen besseren Suchalgorithmus zu programmieren. Wahrscheinlich wird kaum ein Leser des Hauptstadtbriefs Google nicht verwenden. Ganz zu Unrecht ist das Unternehmen also nicht da, wo es jetzt steht.

Samstag, 10. Oktober 2020 

Vorher gesagt 

Mit negativen Vorhersagen kann man nichts falsch machen. Womöglich werden sie deshalb besonders gerne ausgesprochen. Von Christian Drosten zum Beispiel, dem omnipräsenten Spitzen-Virologen: „Weltweit geht es tatsächlich jetzt erst richtig los“, sagte er Mitte August, um jedes bisschen Hoffnung auf Entspannung im Keim zu ersticken. Die Weltgesundheitsorganisation WHO rechnet im Herbst mit wieder mehr Todesfällen in Europa. Und der nimmer müde Karl Lauterbach warnte zuletzt, Präsenzunterricht könnte zum „Superspreadingevent“ werden. Wie es indes genau kommt, weiß keiner von den dreien.

Ehrliche Menschen halten sich mit Prognosen daher zurück, die die es nicht lassen können, bleiben bewusst vage. Was Drosten mit seiner Prognose genau meinte, sagte er nicht: Keine Zahl, kein Szenario, keine Länder, lieber gleich die ganze Welt. Klar, derzeit gehen die Zahlen hoch. Im Moment könnte man ihm Recht geben. Doch das „Jetzt“ hatte er vor zwei Monaten ausgesprochen. Richtig lag er also nicht. Und Lauterbachs „Könnte“ hilft auch nicht wirklich weiter.

Was also nützten uns solche Vorhersagen?

Gar nichts. Nicht umsonst haben sich Menschen über Prognosen seit jeher mokiert. Winston Churchill etwa meinte, ein Experte sei ein Mann, der hinterher genau sagen könne, warum seine Prognose nicht gestimmt habe. Bekannter noch ist ein Zitat Mark Twains: „Prognosen sind eine schwierige Sache. Vor allem, wenn sie die Zukunft betreffen.“

Ehrlicher ist da schon ein gewisser Professor Dirk Brockmann von der HU in Berlin: Wie sich eine Epidemie in der Bevölkerung ausbreite, sei mathematisch leicht zu beschreiben. Doch auch Informationen breiteten sich aus, Menschen änderten daraufhin ihr Verhalten und das wiederum den Verlauf der Ausbreitung. Genau prognostizieren kann man eigentlich gar nichts.

Vielleicht wählen deshalb jene, die sich gleichwohl so gern zitieren lassen, zum Inhalt ihrer Vorhersagen stets ein Negativszenario. Das hat nämlich Vorteile: Bleibt das befürchtete Szenario aus, wird sich kaum jemand an ihre Warnungen erinnern. Tritt indes ein, was vorhergesagt wurde, bekommen sie Recht. Weniger also kann man nicht falsch machen. Ganz wie Bill Gates, der schon 2015 vor einer Pandemie gewarnt hat. Das allerdings derart vage, dass man mit dieser Warnung nicht viel anfangen konnte. Er hat weder gesagt, wann sie kommt, noch, was zu erwarten ist, geschweige denn, wie sich die Welt hätte vorbereiten können. Jetzt aber hat er Recht und gilt seither als Prognose-Guru. Corona hatte er natürlich nicht vorhergesehen. Hätte sich das Virus nicht zu einer Pandemie entwickelt, hätte sich wohl kaum jemand seines Ausspruchs je erinnert.

Samstag, 26. September 2020 

Ältere Herren 

Frohe Botschaften sind selten geworden in der katholischen Kirche. Es sind vielmehr die Nachrichten geballter Problem- und Konfliktlagen, die die Bischöfe in Deutschland nach ihrer Vollversammlung in Fulda weiter ver- und bearbeiten müssen. Der Mitgliederschwund ist mehr als bedrückend, ebenso das einbrechende Kirchensteueraufkommen oder die umstrittene Finanzierung der – inzwischen immerhin geklärten – Entschädigungsfrage für die Missbrauchsopfer aus laufendem Kirchensteueraufkommen. Hinzu kommen Störsignale aus Rom, die alles, was an Reformbemühungen hierzulande angestrengt wird, zunichte zu machen drohen: der beißende Argwohn gegenüber dem synodalen Weg etwa oder zuletzt die Absage an die Bemühungen einer ökumenischen Annäherung mit einer wechselseitigen Einladung zu Abendmahl oder Eucharistie.

Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Georg Bätzing – zumindest verbal reformfreudig und aufbruchbereit, was schon viel ist –, hat sogar das bisher Undenkbare ausgesprochen: die Abspaltung von Rom. Natürlich nicht als Option. Im Gegenteil. Um die Wogen vor der Vollversammlung zu glätten, hat er versichert, dass es eine deutsche Nationalkirche nicht geben werde.

Moment mal: Warum eigentlich nicht?

Die deutsche katholische Kirche ist nicht arm. Sie zieht jährlich 6,6 Milliarden Euro an Kirchensteuern ein und sitzt auf einem milliardenschweren Immobilien-, Beteiligungs- und Aktienvermögen. Doch hat sie noch viel mehr auf der Habenseite: Kindergärten und Schulen, die überlaufen sind, weil vielen Eltern die christlichen Werte, die sie vermitteln, viel bedeuten, gut funktionierende Krankenhäuser und andere karitative Einrichtungen, aufrechte Seelsorger und hoch engagierte Gemeindemitglieder, darunter tausende von Frauen, die heute schon klug ihren Einfluss geltend machen und die man natürlich zu Diakoninnen weihen könnte.

Mehr noch: Die katholische Kirche in Deutschland verfügt – jenseits einer Handvoll ewig Gestriger in herausgehobener Stellung – noch immer über genügend kritische Vernunft, über Einsichtsfähigkeit in das Notwendige und über eine enorme Bereitschaft, sich auf die Gegenwart einzulassen. Soll die Institution hierzulande nicht implodieren oder einfach immer weiter verschwinden aus der Lebenswirklichkeit der Gläubigen, muss sie genau das alles in die Waagschale werfen. Die alten Herren an ihrer Spitze werden einiges an überkommenen Gewohnheiten und Überzeugungen riskieren müssen, um den Prozess der zunehmenden Bedeutungslosigkeit der Kirche hierzulande umzukehren. Das Risiko könnten sie sich durchaus leisten – notfalls auch ohne Rom.

Samstag, 12. Sepember 2020 

Gung ho

Elon Musk ist mit seinem Privatjet für ein paar Tage überraschend in Deutschland gelandet und in der brandenburgischen Grünheide aufgeschlagen. Dort im Niemandsland soll seine Gigafactory 4 für die Herstellung von jährlich 500 000 Autos in 11 Monaten entstehen, ein Milliardenprojekt, für das man hierzulande gemeinhin Jahre braucht. Und tatsächlich liegt der Bau im Zeitplan. Von Elon Musk lernen – diese Devise hat Anfang der Woche nun der brandenburgische Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) ausgegeben.

Die Gründe für den rasanten Baufortschritt sind vielfältig: die hohe Motivation und das gleichgerichtete Interesse aller Beteiligten, die perfekte Planung einschließlich einer enormen Flexibilität für notwendige Plananpassungen, die Adaption immer neuen Wissens und die Parallelität verschiedener Bauabschnitte, die normalerweise hintereinander abgearbeitet werden.

Entscheidender Faktor aber ist Musks verblüffende Risikobereitschaft, die all das überhaupt erst möglich macht. Er baut (noch) ohne abschließende Genehmigung. Er riskiert nicht mehr und nicht weniger als einen rechtlich erzwungenen Rückbau und damit das Scheitern des gesamten Vorhabens – ein Milliarden-Risiko. Und er riskiert eine betriebswirtschaftliche Niederlage gegen die weltweit wohl stärkste Konkurrenz, die ein Automobilhersteller sich aussuchen kann. Er baut im Autoland Deutschland, überdies ein Land der Verbrennungsmotoren, in dem das Thema Elektromobilität bei den Kunden noch gar nicht angekommen ist. Ob man Risikobereitschaft lernen kann?

Musk ist kein Unternehmer, der versucht, in gegebenen Verhältnissen sein unternehmerisches Tun zu optimieren. Er ist Unternehmer, der Strukturen, Produkte und Marktregeln maßgeblich verändert – stets mit dem hohen Risiko des Totalausfalls. Er ist einer, der „neue Kombinationen durchsetzt“, wie der österreichische Wirtschaftswissenschafter Joseph A. Schumpeter einst schrieb, was heute gemeinhin als Innovation bezeichnet wird. Dieser Typus komme selten vor im Vergleich zu der Überzahl der statisch disponierten Wirtschaftssubjekte. „Aber umso mehr fällt er auf, umso mehr zieht er die Aufmerksamkeit auf sich.“

Risikobereitschaft kann man womöglich nicht lernen. Noch nicht einmal von Musk. Doch man kann sich mitreißen lassen. So ist es die enorme Risikobereitschaft des gebürtigen Südafrikaners, die – bis auf ein paar ewige Skeptiker und Umweltbesorgte – die Menschen weit über Brandenburg hinaus elektrisiert und sogar SPD-Politiker, wenn auch nicht zu Kapitalisten, so doch zu begeisterten Anhängern eines Vollblutkapitalisten macht.

Samstag, 29. August 2020 

Mit Moos

Wäre die schwedische Klimaaktivistin Greta Thunberg nicht unlängst auf Kanzlerin Angela Merkel getroffen, hätten wir vor dem Hintergrund wieder steigender Covid-Infektionszahlen ganz vergessen, dass derzeit überall auf der Welt die Wälder brennen. Allen voran im Amazonas-Gebiet in nie da gewesenem Ausmaß. Jetzt soll deshalb das geplante Freihandelsabkommen der EU mit den südamerikanischen Mercosur-Staaten hinausgezögert werden. Eine Sanktionsmaßnahme.

Seit Beginn verstärkter Brandrodungen Anfang der 1990er-Jahre hat sich Brasilien kaum je um die weltweiten Aufschreie ob der Vernichtung des einzigartigen Ökosystems geschert. Im Gegenteil – die Eingriffe wurden immer vehementer. Das Problem dahinter ist ein Interessenkonflikt: Die Stabilität des Weltklimas zugunsten aller basiert auf der Unversehrtheit dieser gigantischen „grünen Lunge“. Dem aber stehen die individuellen Interessen der brasilianischen Bauern für die Sicherung und Mehrung ihres Lebensunterhalts entgegen. Interessenkonflikten ist nicht mit Appellen, Drohungen oder Sanktionen beizukommen, sondern nur mit Interessenausgleich.

Im Fall des Regenwaldes ist dieser allerdings nicht ganz einfach zu organisieren. Denn der Welt-Nutzen seines Klimabeitrags hat keinen konkreten Preis. Mehr noch: Gutes Klima ist ein öffentliches Gut, dessen sich jeder erst dann bewusst wird, wenn es sich verschlechtert. Wer den Regenwald retten will, kann heute schon über Umweltinitiativen – für vergleichsweise wenig Geld – einen Hektar Wald erstehen. Als Tropfen auf den heißen Stein sind diese Aktionen oft belächelt worden, obschon ihnen ein ökonomisch logischer Gedanke innewohnt: Der Klima-Beitrag des Regenwaldes braucht einen Preis. Das könnten die entgangenen Gewinne aus nicht realisierten landwirtschaftlichen Vorhaben oder dem verhinderten Abbau von Bodenschätzen sein. Nur wäre es nicht fair, diese Kosten in Form entgangener Gewinne allein dem Land aufzubürden, in dem der Wald zufällig wächst. Auf den Punkt gebracht hat das unlängst der Ökonom Hans-Werner Sinn mit der provokanten Forderung, die Weltgemeinschaft müsse den betroffenen Ländern den Regenwald als Ganzes abkaufen und dann seinen Schutz organisieren.

Der Gedanke ist nicht neu. Schon in den 1990er-Jahren wurde über eine Zahlungsbereitschaft der Weltgemeinschaft für den Schutz des Regenwaldes debattiert. Verfolgt wurden die vielen klugen Ideen leider nie. Man dachte, man könnte es billiger haben. Daran aber wird sich etwas ändern müssen. Sonst werden die Amazonaswälder nicht zu retten sein. Für seinen Produktionsanteil an gutem Klima wird die Welt Brasilien entschädigen müssen. Ein Modell dazu sollte sie sich lieber früher als später überlegen.

Samstag, 15. August 2020 

Illusionen

Die Aktienmärkte haussieren. Die Krisenstimmung ist verschwunden, die Welt der Finanzmärkte nach den scharfen Einbrüchen im Frühjahr wieder in Ordnung. Und das – bemerkenswerterweise – auch noch in einer Zeit, in der die Pandemie alles andere als unter Kontrolle und die Erholung der Volkswirtschaften noch überhaupt nicht sicher ist.

Gleichwohl lässt sich die Entwicklung an den Aktienmärkten begründen: etwa mit wachsenden Unternehmensgewinnen bis zum Beginn der Krise oder mit dem historischen Faktum, dass Bullenmärkte – von Zäsuren abgesehen – im Durchschnitt nun mal über 25 Jahre laufen. Wichtigster Treiber aber ist das Geld, unendlich viel Geld, das die Notenbanken und Regierungen derzeit in die von Lockdowns gestressten Volkswirtschaften und damit in die Märkte pumpen.

Zumindest an den Aktienmärkten scheint diese Strategie der Krisenbewältigung zu funktionieren. Vermögen, die durch die Kurseinbrüche im Frühjahr vernichtet wurden, sind inzwischen wieder entstanden. Nur, was sich auf den ersten Blick nach 2008 erneut als veritabler Erfolg von Regierungshandeln und Zentralbankinterventionen deuten ließe, erweist sich auf den zweiten als problematisch: Die Liquiditätsschwemme geht schließlich mit der Abschaffung der zentralen volkswirtschaftlichen Referenzgröße einher, des Zinses. Wenn es für Geld keinen Zins mehr gibt, hat das Verteilungswirkungen, die gerade in den Momenten einer Hausse von Aktien und Immobilien augenfällig werden: Die Vermögenden werden reicher, während Millionen in Kurzarbeit noch nicht einmal mehr sparen können.

Von einer Welt ohne Zinsen haben schon viele geträumt: darunter Philosophen, Religionsführer, sogar Ökonomen wie Karl Marx. Dabei haben sie stets als ungerecht empfunden, dass sich mit dem Verleihen von Geld anstrengungslos noch mehr Geld machen lässt.

Seit zehn Jahren haben die Notenbanken in den beiden großen Blöcken der kapitalistischen Welt den Zins faktisch abgeschafft – und ausgerechnet mit „Freigeld“ eine Welt kreiert, die ungerechter nicht sein könnte. Nicht nur, dass wenige vermögende Sparer keine Chance haben, ihr kleines Geld sicher zu mehren. Vielmehr nährt die Liquidität die Hausse in Vermögensklassen wie Aktien oder Immobilien, in die der wenig vermögende Normalbürger erst gar nicht investiert. Dass sich dessen Bilanz im Verschuldungsfalle in Nullzinsphasen bessert, tut dabei kaum etwas zur Sache. Billiges Geld wird schließlich nur bei optimalen Sicherheiten ausgegeben. Das heißt: Eine steigende Vermögensungleichheit verhindert die Abwesenheit von Zinsen gerade nicht, im Gegenteil. Nach zehn Jahren Nullzinspolitik hat sich die schöne Gerechtigkeits-Utopie der Zinskritiker als Illusion entpuppt.

Samstag, 1. August 2020

Unbill

Die Fallzahlen steigen wieder. Das Robert Koch-Institut (RKI) warnt bereits vor einer zweiten Corona-Welle, und vielen Deutschen dämmert inzwischen, was sie lange nicht wahrhaben wollten: dass wir alle womöglich über Jahre unter Pandemie-Bedingungen leben müssen, sofern kein Impfstoff gefunden wird. Die Bundesregierung hat sich derweil auf eine Politik staatlicher Fürsorge verlegt, die mitunter bizarre Blüten treibt. Aus Angst davor, dass zurückkehrende Urlauber wissentlich oder unwissentlich infiziert nach Hause kommen, soll von Montag an eine allgemeine Rückkehrer-Testpflicht gelten, sofern ein auf der Risikoliste des RKI befindliches Land bereist wurde. Das allein wäre noch keinen zweiten Blick wert, hätte Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) nicht auch verfügt, dass fortan die Allgemeinheit die Kosten dafür trägt.

Warum eigentlich? Nur, weil der Test für Rückkehrer zur Pflicht wird? Oder um sich nicht den Unbill der Bürger zuzuziehen, die längst gewohnt sind, dass Folgekosten staatlicher Schutzanordnungen gemeinhin auch der Staat zu schultern habe?

Deutschland ist verfassungsrechtlich ein Sozial- und Fürsorgestaat, dessen gesellschaftliche Gruppen immer wieder aushandeln müssen, wo genau die Grenzen zwischen Kollektiv- und Individualverantwortung verlaufen. Privates Risikokalkül bleibt davon niemals unberührt.

Wer in Zeiten einer Pandemie auf eine Auslandsreise nicht verzichten will und sich an vollen Stränden, Strandpromenaden oder gar Bars vergnügt, geht – sehr bewusst – ein Risiko ein. Risiko ist nicht nur ein Adrenalin treibender Spaßverstärker, sondern ein veritabler Kostenfaktor, der gemeinhin in Form einer Prämie in jedem unternehmerischen und privaten Kalkül seinen Niederschlag findet. Es gibt keinen Grund, dass diese Minimalprämie in Form der Kosten eines verpflichtenden Covid-19-Tests im Fall von Auslandsreisen vom Staat übernommen wird. Man könnte schließlich auch in Deutschland Urlaub machen. Dass ausgerechnet Urlauber den mittleren zweistelligen Betrag nicht finanzieren können, ist auszuschließen. Den Urlaub haben sie sich schließlich auch geleistet.

Wer in Deutschland lebt, hat ein Grundrecht darauf, dass ihn der Staat vor Infektionsrisiken durch jene schützt, die bereit sind, sich solchen im Ausland auszusetzen. Der Staat kann das allein dadurch tun, dass er Urlauber dazu zwingt, das erhöhte Reiserisiko in ihr privates Kostenkalkül einzureisen. Urlauber würden merken, dass in Pandemie-Zeiten Fernweh teuer werden kann, und sich ihr Abenteuer vielleicht zweimal überlegen.

Samstag, 18. Juli 2020 

Mehr Kompetenz

An der Quote könnte sich die Kanzlerfrage entscheiden. Auf dem CDU-Parteitag im November soll zwar zunächst über den Vorsitzenden und damit möglichen Kanzlerkandidaten entschieden und dann erst eine Debatte über die von der Parteispitze beschlossene Frauenquote geführt werden. Doch schon jetzt positionieren sich die Aspiranten auf den Spitzenjob: Röttgen will die Quote, Merz lehnt sie ab, Laschet schweigt. Die Quotenfrage ist damit – leider – zu einer strategischen Option geworden, möglichst viele Parteimitglieder hinter sich zu versammeln. Eine Herzensangelegenheit ist sie nicht.

Bemerkenswert ist, dass vehemente Quotengegner in der Union nicht nur auf Seiten der Männer, sondern auch der Frauen zu finden sind. Warum nur, würde gerade ihnen doch ein Beteiligungsquorum von 50 Prozent an den Gremien von der Kreisliga aufwärts zugutekommen? Dabei beruht die Ablehnung der Quote auf einem gängigen Missverständnis, das sich jüngst in der Überschrift eines Debattenbeitrags manifestierte: „Quote oder Kompetenz?“ stand da in tiefschwarzen Lettern. Kompetenz aber ist genau nicht die Alternative zur Quote. Denn Quote bedeutet nicht mehr und nicht weniger, als dass bei gleicher Kompetenz Frauen so lange bevorzugt werden, bis sie zahlenmäßig mit den Männern gleichgezogen haben. Sie zwingt damit dazu, nach genau jenen Frauen zu suchen, die ungeachtet ihrer Kompetenz womöglich nicht von allein nach vorne drängen.

Kompetenz ist keine Frage des Geschlechts mehr. Frauen sind vielfach besser ausgebildet als Männer, und sie können – auch das haben Studien bewiesen – besser verhandeln, wenn auch nicht für sich, so doch in der Sache. Vielfalt hebt die Qualität in Entscheidungsgremien allein schon deshalb, weil nicht von vornherein auf Kompetenzen einer gesellschaftlichen Gruppe verzichtet wird, die bislang ausgeschlossen war. Im Gegenteil – sie sorgt logischerweise für deutlich mehr. „Mehr Kompetenz durch Quote“ hätte besagter Beitrag überschrieben sein müssen. Gerne auch mit einem Fragezeichen, wenn man darüber streiten möchte.

Völlig außer Acht bleibt in der Debatte übrigens, dass es derzeit fast überall eine Männerquote gibt, weil Erfolg noch immer an das Geschlecht gekoppelt ist. Männer, darunter entsprechend Gaußscher Normalverteilung auch reichlich Mittelmaß, kommen vor allem deshalb weiter als Frauen, weil sie Männer sind. Gleichberechtigung wäre tatsächlich erst dann erreicht, wenn Frauen die gleichen Chancen auf Schlüsselpositionen haben wie männliches Mittelmaß.

Samstag, 4. Juli 2020 

Vertrauen 

Für Deutschland ist der Kollaps von Wirecard ein Desaster: geschädigte Anleger, ein enormer Reputationsverlust des Kapitalmarkts, dazu der vermeintliche Beweis, dass deutsche Tech-Unternehmen das ganze große Rad wohl doch nicht drehen können. Dann die Schande für die Wirtschaftsprüfungsgesellschaften, die Finanzaufsichtsbehörde Bafin, die privatrechtlich organisierte „Bilanzpolizei“ DPR, für EZB und Bundesbank. Sie alle wollten die Betrugsmanöver von Wirecard nicht wahrhaben.

Wie bei Skandalen solchen Umfangs üblich, wird sofort die Systemfrage gestellt. Derzeit steht die Qualität des Prüf- und Aufsichtsgeflechts in Frage. Ist es Marktteilnehmern gewachsen, die jenseits der Grenzen von Ländern und Geschäftsfeldern operieren?

Auf den zweiten Blick lautet die Antwort: Ja – aller Kritik zum Trotz. Bei Wirecard hat nicht das System versagt, sondern die Menschen begingen folgenschwere Fehler – die Wirtschaftsprüfer mit einem Testat trotz eklatanter Ungereimtheiten, die Aufsichtsbehörden, die sich davon blenden ließen und trotz vieler Hinweise nicht reagierten. Eine solche Zusammenballung kommt sehr selten vor.

Man könnte somit eine andere Deutung dieses Bilanzskandals versuchen: Ist Wirecard nicht genau jene extravagante Ausnahme, die die Regel eines erstaunlich gut funktionierenden Kontrollsystems für Rechnungslegung bestätigt? Schließlich ist die Vorstellung, dass sich alles bis ins Letzte prüfen lässt, kaum mehr als eine Illusion. Selbst gestrenge Prüfer müssen darauf vertrauen, dass sie gerade nicht aufs Raffinierteste betrogen werden. Und das ist richtig so.

Als „Mechanismus zur Reduktion sozialer Komplexität“ hat der Bielefelder Soziologe Niklas Luhmann den Begriff des Vertrauens einst definiert. Setze man statt auf Vertrauen nur auf Kontrolle, müssten enorm hohe Transaktionskosten geschultert werden. Vertrauen ist mit Risiko verbunden. In der Regel aber sind die Risikoprämien enttäuschten Vertrauens viel geringer als die Transaktionskosten absoluter Kontrolle.

Die gesamte Wirtschaft einschließlich des Kapitalmarkts lebt von Vertrauen, nicht von Testaten. Müsste sie von der Kontrolle leben, käme sie bald zum Stillstand. Die ganz überwiegende Zahl der Wirtschaftssubjekte hat nicht die Absicht zu betrügen. Genau auf die ist auch das sehr gut funktionierende System der Bilanzprüfung ausgerichtet. Nicht Kontrolle und Misstrauen befördern Prosperität, sondern Vertrauen. Das gilt auch dann, wenn es in seltenen Einzelfällen teuer wird.

Samstag, 20. Juni 2020 

Instinkte 

In Krisen schlägt die Stunde des Staates. Das nimmt sich aktuell so aus: Der Staat verschuldet sich mit 218,5 Milliarden Euro, um das Geld nach Gutdünken an jene zu verteilen, die seiner Meinung nach bedürftig sind. Und er kauft sich mit 300 Millionen Euro Steuergeld – auch nach Gutdünken – in eines der Unternehmen ein, das an der Entwicklung eines Corona-Impfstoffs arbeitet. Warum darf man sich über so viel Anmaßung nicht aufregen? Weil in der Krise nun mal ein starker Staat gefragt ist. Die Erfahrung des Kontrollverlusts schürt die Sehnsucht nach Schutz, der – so der gesellschaftliche Konsens – nur von ganz oben kommen kann. Diejenigen, die die derzeitige Anmaßung im Staatshandeln in Frage stellen, haben einen schweren Stand.

Grund dafür ist allerdings nicht nur die aktuelle Krise. Die nahezu bedingungslose Staatsgläubigkeit bis weit in das Milieu gesellschaftlicher Eliten hinein entspricht altbewährter kontinentaleuropäischer Tradition. Spätestens seit Otto von Bismarck sind die Deutschen preußisch-etatistisch. Bereits ein paar Jahrzehnte zuvor stach das dem französischen Denker und Politiker Alexis von Tocqueville ins Auge: Allzu stark kümmere sich die Zentralgewalt um die Einzelheiten des staatlichen Lebens. „Allenthalben dringt sie weiter als früher in das Privatleben vor.“ Noch nicht einmal die Wirtschaftselite ist je besonders liberal gewesen. In Bedrohungslagen hat sie stets nach dem Staat gerufen. In den 1990er-Jahren sah es für ein paar Jahre mal etwas anders aus, als sich bis in die mittleren Schichten hinein eine gesunde Staatsskepsis verbreitete. Doch blieben solche Phasen die Ausnahme der Regel. Spätestens seit den Nullerjahren soll der Staat dem gesellschaftlichen Postulat entsprechend wieder Gerechtigkeits- und Industrie-, ja, sogar Moralpolitik betreiben.

Staatsgläubigkeit muss nicht per se schlecht sein. Sie ist aber vor allem eines: bequem. Und kann auch teuer werden. Woher weiß die Regierung, dass ausgerechnet *Curevac* das Rennen um den Impfstoff macht? Und was, wenn nicht und das millionenschwere Investment so an Wert verliert?

Skepsis verbietet sich. Auch dieses Reaktionsmuster hat Tocqueville schon vor 200 Jahren beschrieben: Wenn die Zentralgewalt den Instinkten der Bevölkerung entsprechend handele, dann kenne selbst in Demokratien das Vertrauen in den Staat keine Grenzen mehr: „Niemand ist weniger unabhängig als ein freier Bürger.“

Samstag, 6. Juni 2020 

Ausnahmen 

Weiß ist die Macht. Und männlich. Immer noch – und man fragt sich, warum. Leuchtende Beispiele, dass es auch anders sein kann, gibt es längst. Barack Obama und Angela Merkel wurden als Regierungschefs weltweit prominent. Und trotzdem hat sich das – verfassungswidrige – Übel der Diskriminierung sogar in modernen Gesellschaften beharrlich gehalten. In Amerika hat die post-rassistische Ära mit Obama genauso wenig begonnen, wie sich die Chancen für Frauen in Führungspositionen hierzulande mit Merkel verbessert haben. Obama selbst hat auf den Rassismus in seinem Land keine politischen Antworten gefunden und Merkel nicht auf das Problem der Benachteiligung aufgrund traditioneller Rollenbilder. Man könnte fast sagen: Sie haben danach auch gar nicht erst gesucht, sondern das Thema wohlweislich vermieden. Afroamerikaner sind noch immer Bürger zweiter Klasse. Black lives still don’t matter. Und die Bundeskanzlerin hat sich nie wirklich für die Belange der Frauen stark gemacht – nicht zuletzt, um konservative männliche Wähler nicht zu verprellen.

Doch ist das nur die halbe Wahrheit. Es war stets eine Illusion, dass Mitglieder jener gesellschaftlichen Gruppen, denen nach Mehrheitskonsens Spitzenpositionen eigentlich gar nicht zustehen, als Vorbilder taugen, wenn sie es gegen alle Widerstände ganz nach oben schaffen. Merkel und Obama wissen genau, dass sie als Frau oder Schwarzer in ihrer beider Stellung ausschließlich über ihren Status als Ausnahme funktionieren, die die Regel bestätigt. Gerade deshalb entfalten sie auf die Lebenswirklichkeit der Menschen keine Wirkung. Ausnahmen verändern weder das Bewusstsein derer, die unter Benachteiligung leiden, noch derer, die Diskriminierung tagtäglich bewusst oder unbewusst praktizieren.

Die Diskriminierung ist strukturell. Gleichberechtigung wird ohne massive politische Interventionen weiterhin überall nur gepredigt, nicht gelebt. Verheerend daran: Die Einsicht der Benachteiligten in ihre begrenzten Möglichkeiten prägt ihren Umgang mit denselben, was wiederum die Diskriminierung befördert.

„Black Lives Matter“ – unter dem Slogan demonstrieren derzeit weltweit Millionen. Der Tod von George Floyd zeigt, wie wichtig die Bewegung ist. An die Namen derer, die sie 2013 ins Leben riefen, erinnert sich heute kaum noch jemand: Alicia Garza, Patrisse Cullors und Opal Tometi – drei schwarze Frauen.

 

Meine Frage der Woche

 

Hier findet sich eine kleine Auswahl an Fragen, die sich mir über die Jahre allwöchentlich gestellt haben. Manche lassen sich leicht beantworten, andere wiederum lassen einen nicht los. Und wieder andere erledigt die Geschichte. "Meine Frage der Woche" muss nun meiner Kolumne im Hauptstadbrief weichen. Denn auch dort geht es um Fragen und die Suche nach Antworten. 

 

November 2019

FSK seht für "Freiwillige Selbstkontrolle". Sie ist ein 1949 gegründetes Gremium der Filmwirtschaft, die  die Altersbegrenzung für Filme und andere Trägermedien festlegt. Jeder Film, der auf deutschen Leinwänden erscheint, hat eine FSK-Angabe. So auch der gerade in Deutschland angelaufen  amerikanische Film "The Report", ein  Doku-Drama über den Senatsmitarbeiter Daniel Jones, der den Bericht über die "erweiterten Verhörmethoden" der CIA schrieb und für seine Veröffentlichung kämpfte. Die FSK hat den Film  für ein Alter ab 12 (sic!) Jahren freigegeben. In dem Film sind - mehrfach - extrem verstörende Foltermethoden bis hin zur Folter mit Todesfolge zu sehen, die ich im Alter von 55 Jahren kaum ertragen konnte. Meine Frage: Wer sind die Mitarbeiter der FSK, die ihren Kindern im Alter von 12 oder 13 Jahren solche Folterszenen zumuten würden? 

 

 

September 2019

Ich lese selten Reportagen, ich kannte - vor dem Fälschungsskandal beim Spiegel weder den Hochstapler und Betrüger Claas Relotius noch dessen Widersacher Juan Moreno, der den vermeintlichen Spiegel-Starreporter entlarvt und einschließlich zweier Ressortleiter zur Strecke brachte. Darüber er jetzt ein Buch geschrieben und zieht nun seinerseits als Star durch die Lande. Das sei ihm sehr gegönnt, er hat ja viel riskiert. Nur: Auch er überhöht die Reportage als vermeintliche Königsdisziplin des Journalismus und damit sein eigenes Terrain (es gibt wahrlich noch andere, wichtigere journalistische Formate). Und er überhöht das Nachrichtenmagazin Spiegel, seinen Arbeitgeber. Genau diese Attitüde hat dazu geführt, dass die Fälscherei im Spiegel überhaupt eine Chance hatte. Um den Leser, der viele Ausgaben lang schlichtweg betrogen wurde ging es Relotius und geht es auch Moreno nicht. Er kommt mit keinem Wort vor. Muss das bei Reportern zwangsläufig so sein?

 

 

September 2019

 

AfD-Demagoge Björn Höcke  hat es in einem Interview mit dem ZDF zum Eklat gebracht. Er habe sich allzu sehr emotionalisiert gefühlt und wollte deshalb noch einmal von vorn beginnen. Es ging um die Ähnlichkeit seines Vokabulars zu hitler'scher Diktion.  Darauf haben sich die Kollegen des Senders nicht eingelassen. Das ganze wurde abgebrochen - und natürlich ins Netz gestellt. Der ZDF-Kollege wird als aufrechter Journalist gefeiert. Doch die Wirkung des ganzen Unterfangens ist trotzdem fatal: Höcke ist nicht als Nazi entlarvt, er hat vielmehr eine weitere Gelegenheit bekommen, sich als Opfer des Establishments zu stilisieren, was ihm noch Wähler in die Arme treibt. Das ist ein altbewährtes Muster. So jemanden wie Höcke sollte man erst gar nicht interviewen. Warum verstehen die Journalisten das nicht endlich? 

 

September 2019 

In zwei ostdeutschen Bundesländern hat mindestens jeder Vierte die AfD gewählt - und damit einen gährigen Haufen nationalromantischer bis rassistischer Politiker. Europa steht am Scheideweg und wird derzeit nur von Frankreichs Präsident mit - zugegebener Maßren sehr französischer Attitüde - vorangetrieben. In der CDU sind heftige Flügelkämpfe ausgebrochen. Die deutsche Volkswirtschaft steuert derzeit in einen Abschwung. Und was tut die Kanzlerin: Sie schweigt, schweigt, schweigt und schweigt. Staatspolitisch ist das unverantwortlich. Ist es da nicht naheliegend zu vermuten, dass sie nichts mehr zu sagen hat und längst abgetreten sein sollte? 

 

April 2019

Nun ist der Brexit ein weiteres mal verschoben. Und vor allem in Europa schüttelt man den Kopf darüber. Der eine ist verärgert, dem anderen reißt der Geduldsfaden, die Kommentare  der Medien sind voll von Überheblichkeit, Spott und Häme. Nur, weil sich in Großbritannien die Außen- mit der Innenpolitik auf höchst gerade auf höchst unglückliche Weise verknüpft und dadurch zur Handlungsunfähigkeit von Regierung und Parlament führt. Oder weil die Premierministerin vielleicht zu starr auf ihren Plänen beharrt. In solch eine verfahrene Lage kann heutzutage jedes Land geraten. Wer also hat das Recht, Großbritannien derart zu belächeln?  

 

März 2019 

Offiziell haben die Fusionsgespräche zwischen Deutscher Bank und Commerzbank  begonnen und es kann gut sein, dass am Ende nur noch ein deutsches Institut übrig bleibt. Als ich 1995 in die  Finanzredaktion der Frankfurter Allgemeinen  wechselte und für die Berichterstattung über die Großbanken zuständig war, gab es derer noch fünf: die Bayerische Vereinsbank, die Bayerische Hypotheken- und Wechsel-Bank, die Commerzbank, die Dresdner Bank und die Deutsche Bank. Nun sind sie fast alle verschwunden. Sang- und klanglos. Die einst  so stolze  Deutsche Bank ist im internationalen Vergleich ein Zwerg geworden. Können die Deutschen Banking nicht? 

 

 

 

Januar 2019


Zwischen Nachricht und Meinung wird im Journalismus immer weniger unterschieden. Das findet überall statt. Artikel - so das moderne Postulat - müssten mit einer bestimmten Haltung verfasst werden. Haltung - das klingt vornehmer, intellektueller als Meinung - bedeutet aber dasselbe. Durch den Text muss die Meinung des Autors zu einem Sachverhalt erkennbar werden. Wie funktioniert das handwerklich? Es wird eine These aufgestellt, der die Recherche unterworfen wird. Das bedeutet dann: Sagen, was ist. Reportagen sind dafür anfällig. Sie haben eine These. Weil Protagonisten nie hundertprozentig zur These passen, werden sie passend gemacht, in Extremfällen aus mehreren Personen zusammengebaut oder gleich ganz erfunden. Zur Not ist die Reportage dann „literarisch“ und preisgekrönt, hat aber mit Journalismus nichts zu tun. Mit einer Absage an den Thesen-Journalismus wäre schon viel gewonnen. Nicht „sagen, was ist“ - fragen, was ist. Wäre das nicht ehrlicher? 

Dezember 2018

Friedrich Merz ist verschwunden. Einfach abgetaucht, so unvermittelt, wie er kam, hat er sich wieder verdrückt. Dabei hatten wir doch alle ein bisschen darauf gesetzt, dass es mit ihm zumindest wieder unterhaltsamer würde in der Politik. Nichts dergleichen.  Sollte es das also schon gewesen sein? Kaum etwas spricht dagegen,  viel  dafür und verleitet zu der These, dass es Friedrich Merz nie ernsthaft daran gelegen war, ins Konrad Adenauer-Haus einzuziehen.  Die schlechte Vorbereitung, seine unpassenden Berater ohne politische Erfahrung, die verhaltene Rede, sein früher Abgang vom Parteitag zwei Stunden vor Schluss - agiert so einer, der unbedingt an die Parteispitze und dann ins Kanzleramt will?

 

September 2018

Zum Wochenende durfte man sich allerlei Beschimpfungen anhören. Außenminister Heiko Maas hat kräftig ausgeholt und uns allen Bequemlichkeit vorgeworfen, ein Dahinsiechen im Wachkoma oder die totale Gleichgültigkeit. Wir sollten mal vom Sofa hochkommen.  Er weiß offenbar sehr genau, dass uns die Vorfälle in Chemnitz und die unerträgliche Salonfähigkeit rechten Gedankenguts  kalt lassen.  Das tun sie nicht, Herr Maas! Und es gibt keinen Grund, das Gros der Bevölkerung dafür zu beschimpfen. 

Vielmehr wäre es sehr viel klüger, Maas  würde sich endlich mal damit beschäftigen, was die Berliner Politik zum unerträglichen Erstarken der Rechten  beigetragen hat. Beschimpft er mit seiner Tirade vom Sonntag also nicht eindeutig die Falschen? 

 

Juni 2018

Joachim Löw  darf  offenbar selbst entscheiden, ob er Bundestrainer bleibt oder nicht und nimmt sich Zeit. Derweil wagt es kaum einer deutlich auszusprechen: Joachim Löw sollte  jetzt gehen - nicht weil er ein schlechter Trainer wäre, sondern weil ein  Neuanfang  nun mal nur über neue Leute funktioniert. Auch in der Wirtschaft ist das so. Die Deutsche Bank etwa hat ihren  Neuanfang vor ein paar Jahren mit altem Personal organisiert. Und ist gescheitert. Erholt hat sie sich davon bis heute nicht.  Löw muss gehen uns sein Teammanager auch. Schon Löws  Ankündigung, dass er erstmal analysieren will, wie viel von dem Debakel auf seine Kappe geht, zeigt, dass er für die Zukunft der Falsche ist. Oder will der DFB wirklich den Fehler der Deutsche Bank wiederholen? 

 

 

. Januar 2018

Die auf 20 Prozent geschrumpfte SPD ist zerrissen wie nie. Jetzt zieht sie mit dem uncharismatischsten Parteichef seit Rudolph Scharping und auf Basis einer knappen Mehrheitsentscheidung in die Koalitionsverhandlungen. So viel kann sie aus diesen Verhandlungen gar nicht mehr herausholen, als dass sich auch die Skeptiker, geschweige denn auf Dauer die Wähler überzeugen ließen. Ein Trauerspiel zum Fremdschäden. Langsam frage ich mich: Wären Neuwahlen mit neuem Spitzenpersonal bei den beiden großen Parteien nicht doch die sauberere Lösung?

9. Januar 2018

"Fire and Fury" heißt das neue Buch über Donald Trump und das Treiben im Weißen Haus. "Feuer und Wut" - schon der Titel verspricht, was Michael Wolff, der Autor des Opus artig liefert: Süffigste Kolportage aus dem derzeit berühmtesten Irrenhaus der Welt. Was an den Schilderungen wahr ist und was nicht, spielt überhaupt keine Rolle, weil alles wahr sein könnte. Wir alle wussten, dass es in Washington derzeit wie im Tollhaus zugeht und ahnten bereits, dass Donald Trump auf dem Weg in die Demenz ist. Auch das haben vor Wolff schon Psychiater per Ferndiagnose vermutet. Zwei Fragen bleib nach der Lektüre: Was ist das für ein Land, das sich so einen Präsidenten leistet? Und: Warum handelt eigentlich niemand? 

 

 

 

8. November 2017

 

Der Schauspieler Kevin Spacey ist vernichtet. Diesen großartigen Leinwandkünstler und maliziösen Verführer wird es auf dem Schirm wohl nicht mehr geben.  Binnen einer Woche haben sich in Hollywood und wohl auch im Rest der Welt alle, die im Show-Business etwas zu sagen haben,  binnen einer Woche von ihm abgewandt. Wenn all das wahr ist, was ihm vorgeworfen wird, ist er an seiner Vernichtung selbst Schuld. 

Trotzdem bleiben Fragen: Haben nicht unzählige Produzenten und Schauspieler und Netflix jahrelang von seiner Genialität profitiert und wohl wissend in Kauf genommen, dass er offensichtlich fortdauernd Grenzen überschreitet. Wenn seit Jahren angeblich jeder um Promiskuität und Machtmissbrauch des Kevin Spacey wusste, warum hat dann nie jemand versucht, ihn vor sich selbst zu schützen? 

November 2017

 

1. November    2017

FDP-Chef Christian Lindner scheut Unkenrufe nicht. Jamaika könne auch scheitern, sagt er.  „Ich habe die FDP nicht zurück ins Parlament geführt, um in einer Regierung ohne eigene Akzente zu arbeiten." Oder: "Ich habe keine Angst vor Neuwahlen." Auch glaubt er nicht, dass die AfD von Neuwahlen profitiert. Woher er das weiß? 

Ich, ich, ich -  es wäre besser, der liebe Herr Lindner würde mal ein bisschen Testosteron ablassen, sich weniger auf sich konzentrieren und über Kompromisse nachdenken, die eben doch machbar sind. Manchmal fragt man sich, ob der Egozentriker Demokratie überhaupt verstanden hat. 

1. Oktober 2017

"Babylon Berlin" ist eine Serie, wie man sie im deutschen Fernsehen noch nicht gesehen hat. So bejubelt das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung die ARD-Produktion, an deren Kosten sich auch der Bezahlsender Sky beteiligt hat. Nur: Man wird diese Serie auch erst einmal nicht im deutschen Fernsehen sehen. Sie läuft ab Oktober auf Sky - obwohl sie mit Gebühren deutscher Fernsehzuschauer in zweistelliger Millionenhöhe finanziert ist. Doch die Gebührenzahler müssen ein Jahr warten. Es sei denn, sie abonnieren Sky, um angeheizt von dem medialen Hype um die Serie gleich mit von der Partie zu sein. Dass sie dann für den Film doppelt zahlen, interessiert in der ARD niemanden. Arroganz der Macht. Das ist ist skandalös. N.b. Die Rundfunkgebühr ist eine ZWANGSABGABE! Warum regt sich darüber niemand so richtig auf?

 

26. September 2017

Das Lamento über die große Koalition war nie zu überhören. Sie schade der SPD als Volkspartei, weil sie sich in ihr nicht profilieren könne. Sie laste wie Mehltau auf  der Demokratie, weil im Parlament keine große Oppositionspartie  mehr der Regierung und Angela Merkel Paroli biete. Sie böte zu viel Spielraum an den Rändern des Parteienspektrums. Jetzt zieht die SPD die einzig richtige Konsequenz aus ihrer Wahlniederlage und verabschiedet sich in die Opposition. Und was tun Politiker und Hauptstadtjournalisten? Sie werfen ihre Verantwortungslosigkeit vor. Warum eigentlich? 

5. September 2017

 

Martin Schulz sind die Golffahrer näher als die Golfspieler.  Mit diesem einfältigen Wortspiel entzündet er ein keines mediales Strohfeuer. Jens Spahn hält Großstadt-Hipster für gefährliche Separatisten - weil sie nur Englisch sprechen und sich abschotten. Auch ihm gelingt ein mediales Strohfeuer. Beides hat wenig mit dem Lebensalltag umworbener Wähler zu tun. Die wenigsten spielen Golf oder würden sich zu den Hipstern zählen. Was also sollen diese Beiträge? Nehmen Schulz und Spahn die Wähler nicht ernst oder haben sie zu wirklich relevanten Themen nichts zu sagen? 

August 2017

Martin Schulz sind die Golffahrer näher als die Golfspieler.  Mit diesem einfältigen Wortspiel entzündet er ein keines mediales Strohfeuer. Jens Spahn hält Großstadt-Hipster für gefährliche Separatisten - weil sie nur Englisch sprechen und sich abschotten. Auch ihm gelingt ein mediales Strohfeuer. Beides hat wenig mit dem Lebensalltag umworbener Wähler zu tun. Die wenigsten spielen Golf oder würden sich zu den Hipstern zählen. Was also sollen diese Beiträge? Nehmen Schulz und Spahn die Wähler nicht ernst oder haben sie zu wirklich relevanten Themen nichts zu sagen? 

Februar 2017

 

 

 

Der Omnipräsenz des Martin Schulz ist nicht zu entkommen. Nur weiß man nicht genau, was jetzt eigentlich gilt: Angeblich hat er auf der Beliebtheitsskala der Politiker Angela Merkel hinter sich gelassen. Angeblich wird die Union langsam nervös. Andere Umfragen allerdings kommen zu ganz anderen Ergebnissen: Schulz habe ein Glaubwürdigkeitsproblem. Die Mehrheit der Bevölkerung sehe ihn nicht als künftigen Kanzler, sondern weiterhin Angela Merkel als Regierungschefin.  Wahrheit je nach Umfrage - wer würde nicht wissen wollen, wie es wirklich ist? 

 

Oktober 2016

 

Der historisch hässliche Wahlkampf  in den Vereinigten Staaten  scheint vielen Menschen den 

Abschied von Barack und Michelle Obama besonders zu erschweren. Millionenfach werden in den sozialen Medien Fotos und Videos veröffentlicht. Der jüngste Wahlkampf-Auftritt der First Lady mit ihrer starken Rede für Frauen nährt sogar die Hoffnung, dass sie in vier Jahren als Präsidentin ins Weiße Haus zurückkehrt. Nur: Acht lange Jahre hatte dieses medial eindrucksvolle, stets perfekt inszenierte Power-Couple Zeit, Amerika zum Besseren zu verändern. Stattdessen  hinterlassen sie ein gesellschaftlich tief  gespaltenes, hasserfülltes und moralisch erschüttertes Land, in dem sich Millionen Menschen um ihre Zukunft betrogen fühlen.  Hätten beide ihre Chance und Begabungen nicht viel besser nützen müssen? 

 

Oktober 2016

Es läuft nicht gut für Angela Merkel. Die Union verzeichnet herbe Verluste bei den Landtagswahlen. Mehrheitlich wird ihrer Flüchtlungspolitik dafür die Schuld gegeben. Die quälende Debatte darüber, ob sie im nächsten Jahr zur Bundestagswahl noch einmal antritt oder nicht, ist voll entbrand. Um starken Nachwuchs in der Partei hat sie nicht nie gekümmert. Wäre es nicht besser, es gäbe auch in Deutschland eine Begrenzung der Amtszeit auf zwei oder - meinethalben - drei Legislaturperioden? 

 

12. März 2016

 

Das Thema der sozialen Ungleichheit hat wieder Konjunktur. Dem Spiegel ist es einen Titel wert. 2008 habe ich darüber ein Buch geschrieben. Weder an den Umständen noch an der Argumentation hat sich seither irgendetwas verändert. Sozialer Aufstieg scheint nach wie vor nahezu unmöglich, wenn man in bestimmte sozialen Milieus hineingeboren wird, in bestimmten Viertel aufwächst und bestimmte Schulen besucht. Mit mehr Umverteilung kommt man dem Problem nicht bei. Wie aber dann? Könnte es sein, man sich in postindustriellen, multi-ethnischen Gesellschaften mit dem Zustand wird abfinden müssen? 

 

26. November 2015

Meine Frage des Tages: This is a man's world. 

In Russland herrscht Putin und rüstet auf. In der Türkei regiert Erdogan und würde sich am liebsten zum allmächtigen Präsidenten machen. In Syrien hält sich Assad, in Isreal schlägt Netanjahu feindliche Töne an, in Ungarn schließt Orbán die Grenzen und will Muslime nicht haben, in Frankreich redet Hollande vom Krieg, in Bayern benimmt sich Seehofer vollkommen daneben. Wie soll es mit diesen Männern Lösungen geben? Angela Merkel nimmt hier nicht nur wegen ihrer Haltung in der Flüchtlingsfrage eine Sonderstellung ein, sondern auch als Frau. Hängt das eine mit dem anderen zusammen? Ich war nie ein ausgemachter Merkel-Fan, doch inzwischen halte ich die Frage für legitim, ob wir uns nicht glücklich schätzen können, dass Deutschland in diesen Zeiten von einer Frau regiert wird. 

 

20. September 2015  

Deutschland hilft - das ist die Botschaft, die uns medial derzeit alle überrollt.  Aber stimmt das Bild, an dem sich die Öffentlichkeit berauscht? Blicken nicht viel mehr Menschen sorgenvoll auf die Entwicklung und trauen sich doch nichts zu sagen, weil der soziale Druck einer bestimmten moralischen Erwartungshaltung viel zu stark geworden ist? 

 

 

11. Oktober

 

Angela Merkel ist angeschlagen. Das Interview, dass sie im Fernsehen gegeben hat, offenbart vor allem eines: Sie kann die über den Flüchtlingszustrom besorgte Bevölkerung nicht beruhigen. Es mehren sich Stimmen, die mutmaßen, die Kanzlerin könnte die Flüchtlingskrise nicht überstehen. Eine politische Krise in der Flüchtlingskrise ist schon beängstigend genug. Viel bedrückender aber ist die Frage: Wer soll es eigentlich sonst machen? 

 

1. Oktober

Berlin will Flüchtlinge in privatem Wohnraum unterbringen.  Die Eigentümer  erhalten 16 Euro  je Quadratmeter. Mieten in der Höhe - auf zehn Jahre garantiert - sind ein fantastisches Geschäft. Davon wollen jetzt viele Immobilienbesitzer profitieren.  Auch Banken stehen für die Finanzierung von Wohnungskäufen schon bereit, wenn darin Flüchtlinge untergebracht werden. Der nächste Boom wird kommen.  Kann das gut gehen, wenn der Staat auf diese Weise in den Markt eingreift? 

 

2. November

 

Am Berliner Bahnhof Zoo helfe ich Flüchtlingen, den Fahrkarten-Automaten zu bedienen. Sie wollen ein Ticket nach Nordrhein-Westfalen, um zu Verwandten in Bielefeld zu fahren,  sagen sie. Registriert seien sie noch nicht. Das dauert zu lange. Keine Behörde weiß derzeit, wer diese Menschen sind und wo sie sich künftig aufhalten oder bleiben werden. Sie sind kein Einzelfall. Kann das richtig sein, dass Zehntausende unregistrierter Flüchtlinge kommen und einfach wieder verschwinden, dass sie kreuz und quer durch Deutschland fahren auf der Suche nach einer Bleibe? 

 

 

26. September 2015

Volkswagen in der Existenzkrise, Vorstandschef Winterkorn, der den Konzern zum weltgrößten Autobauer gemacht hat,  ist zurückgetreten - mit 68 Jahren. Wenn er von der Manipulation der Abgastest sgewusst hat, zu Recht. Wenn nicht, dann auch. Haben Aufsichtsräte nicht die Tendenz, viel zu lange an erfolgreichen Managern festzuhalten?

 

7. Oktober

Europäische Unternehmen dürfen Daten ihrer Nutzer nicht mehr nach Amerika übermitteln.  So lautet das Urteil des Europäischen Gerichtshofs.  Denn in Amerika hat der Datenschutz keinen hohen Stellenwert. Es wird ewig dauern, bis ein entsprechendes Abkommen zum Datenschutz steht. Und Facebook, um die es eigentlich ging? Der Internet-Riese ist sich sicher: Es gibt viele Wege, Daten in die USA zu schaffen.  Wer will das alles überhaupt noch  kontrollieren? 

 

20. Oktober

Angeblich ging es bei der Vergabe der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 nach Deutschland nicht mit rechten Dingen zu. Im Zentrum steht der frühere Vorstandschef des Sportkonzerns Adidas. Schon länger wissen wir, dass VW im großen Umfang Abgaswerte manipuliert hat. Und die einstmals so solide Deutsche Bank kämpft mit ihrer jüngsten Vergangenheit, in der Kunden geprellt und Anleger betrogen wurden. Kann es sein, dass Deutschland wegen des Geschäftsgebarens seiner  Flagschiff-Unternehmen so langsam ein Imageproblem bekommt?  

 

6. November

 

Immer vorbildhaft erschienen die Schweden in der Flüchtlingsfrage. Kein anderes Land in Europa hat so viele Menschen aufgenommen. 190 000 Flüchtlinge werden erwartet. Schweden ist zwar ein großes Land. Zur Aufnahme von Flüchtlingen braucht man aber nicht nur Fläche, sondern vor allem Menschen. "Bleibt in Deutschland", fordert der schwedische Migrationsminister die Flüchtlinge unmissverständlich auf. Oder kehrt nach Dänemark zurück. Ist das die richtige Haltung, wenn Europa kaum eine andere Chance hat, als die Einwanderungswelle gemeinsam zu bewältigen?

 

3. Januar 2016

Das Neue Jahr beginnt mit neuen Begegnungen. Einer Zahnärztin zum Beispiel, die mir erzählt, sie beschäftige jetzt einen aus Syrien geflüchteten Studenten der Zahnmedizin. Sie wolle ihn fit machen, um sich in den Flüchtlingsheimen um die Prophylaxe der Kinder zu kümmern. Wenn er soweit ist, nimmt sie den nächsten auf.  Oder mit einem Fernsehredakteur, der einen syrischen Flüchtling Heilig Abend eingeladen hat, um gemeinsam Weihnachten zu feiern. Oder mit einem Perser aus Hannover, der seine Mutter besucht hat und mir am Flughafen in Teheran erzählt, wie er sich für Flüchtlinge engagiert. Er findet, dass der Flüchtlingsstrom den Deutschen gut tut. Ich frage mich, ob das überwältigende Engagement für Flüchtlinge hierzulande in Angela Merkels Neujahrsansprache nicht viel zu kurz 

 

März 2016

 

Es ist wieder so weit. Die ersten Staffeln von Germany's next Topmodel sind bereits gelaufen. Junge Mädchen, die von der Welt noch keine Ahnung haben, werden - wie so oft - zu entwürdigenden Aktionen gezwungen. So hatte sich das Heidi Klum auch diesmal wieder lustvoll ausgedacht. Die Mädchen sollten zum Beispiel ihre Kinderkörper in aufreizenden Dessous präsentieren und dabei auch noch ein glückliches Gesicht machen. Taten sie aber nicht wirklich. Sie sahen bemitleidenswert erbärmlich aus. Aus Erfahrung weiß ich: Diese Sendung ist in ihrer Zielgruppe ausgesprochen wirkungsmächtig und deshalb gefährlich. Ich frage mich: Wann hört diese Fernsehhexe endlich auf? 

© 2015 by Inge Kloepfer