Meine Essays 

Nicht immer kann man sich kurz fassen. Und nicht immer will man es. Manches bedarf ausführlicherer Betrachtung. Eine Auswahl meiner jüngsten Aufsätze findet sich hier. 

Ohnmacht

Wut, Aggression und Depressionen nehmen zu. Dabei geht es den Menschen so gut wie nie zuvor. Kein Wunder, sie haben verlernt, ihre eigene Ohnmacht zu ertragen. Von Inge Kloepfer

 

 

Die Vorlage für den Vorstand ist längst fertig und liegt seit drei Stunden im Vorzimmer des Chefs, muss aber noch abgesegnet werden. Die Mitarbeiter  warten. Es ist bereits 18:30, doch die Sekretärin lässt nichts von sich hören. Ein vorsichtiges Nachfragen verbietet sich. Vorstandsmitglieder lassen sich nicht drängen. Es vergehen noch zwei weiter Stunden, dann leuchtet auf dem Display der Telefonanlage die Nummer des Vorstandssekretariats auf. Die Erlösung bleibt allerdings aus, statt dessen die Ansage, in einer halben Stunde in der obersten Etage zu erscheinen. Die Mitarbeiter wissen, was jetzt kommt: das übliche Spiel ihres Chefs, alles noch einmal auf den Kopf zu stellen und danach eine Nachtsitzung. So ist das immer.  In der Hosentasche ballen sich die Fäuste. Die Untergebenen wissen, Schikane ist ein perfides Herrschaftsinstrument. Und ihr Chef weiß das erst recht. 

Wer kennt es nicht, die eigene Ohnmacht in einem Über-Unterordungsverhältnis, das an Arbeitsplätzen alltäglich vorkommt? Den Launen des Vorgesetzten ist man hilflos ausgeliefert, schließlich kann man die Situation nicht kontrollieren, sondern einfach nur über sich ergehen lassen. 

Ohnmachtserfahrungen macht jeder. Und das immer wieder. Nicht nur am Arbeitsplatz, sondern immer dann, wenn die eigenen  Einflussmöglichkeiten im Verhältnis zu den eigenen Wünschen schwinden. Die Ohnmacht wird als schwerer Kontrollverlust erlebt, als höchste Form des negativen Stresses, nicht selten als Trauma. 

Wut, Ekel, Verachtung, Frucht, Trauer, Überraschung und Freude - das sind nach einschlägigen Untersuchungen von Wissenschaftlern  die sieben Primäraffekte der menschlichen Existenz. Empirisch haben Wissenschaftler diese sieben Grundemotionen nachgewiesen, die unabhängig von Kultur oder ethnischer Herkunft erfahren werden. Gemeinhin werden noch Liebe und Hass dazu gezählt. Die Ohnmacht allerdings wird nirgends erwähnt. 

Viel lieber beschäftigt man sich mit Macht und damit, was Macht mit Menschen macht. Das ist logisch: Macht fasziniert, Ohnmacht schreckt ab. Sie ist ein unangenehmes Gefühl mit allerlei Folgegefühlen. Ohnmacht ist beharrlich, sie verfliegt nicht einfach wie Wut, ermattet nichts wie der Hass. Sie bleibt und ist deshalb vielleicht der energieraubendste, beschämendste und lähmendste Gemütszustand, in den die Menschen verfallen können. Sie erstarren regelrecht, so wie der „Mann vom Lande“ in einer von Franz Kafkas Erzählungen.  Kaum sonst in der Literatur ist die Ohnmacht so eindrücklich in Worte gefasst wie seinen schlicht formulierten Texten. In seiner Erzählung  „Vor dem Gesetz“ begehrt ein Mann vom Lande vergeblich Eintritt von einem Türhüter. „Es ist möglich. Jetzt aber nicht.“ De Mann ist perplex. Er versteht nicht warum. Der Türhüter sagt noch: „Merke aber: Ich bin mächtig. Und ich bin nur der unterste Türhüter.“ Ein Leben lang wird der Mann vom Lande vergeblich warten: auf den Einlass und auf den Grund dafür, dass ihm diese verwehrt wird. Ohnmacht hat eben auch mit der  Willkür Berühungspunkte.  

Eine Machterfahrung ist erhebend, Ohnmachtsgefühle niederschmetternd. Dabei ist die Ohnmachtserfahrung mindestens so wirkmächtig wie das Erleben von Machtzuwachs. Macht verändert auf Dauer die Menschen. Das ist allgemeiner Konsens. Wie es sich aber mit der Ohnmacht verhält? Sie tut es erst recht. Und sie betrifft deutlich mehr Menschen. 

Der Psychoanalytiker und Therapeut Hans-Jürgen Wirth, der am Institut für Soziologie der Universität Frankfurt lehrt, hat sich mit dem Thema Macht und ihrer Spiegelversion, der Ohnmacht, lange beschäftigt. „Anthropologisch und psychologisch ist die Hilflosigkeit die Urerfahrung des Menschen“, sagt er. Unter allen Säugetieren komme der Mensch als unfertigstes Wesen auf die Welt, das über die Zeit seines Lebens die größte Entwicklungsstrecke zurücklegen muss. Die höchststehende Gattung ist im Moment ihrer Geburt am unvollkommensten und am ohmächtigsten. Das hat seinen Sinn, soll sie doch die vollkommenste der Schöpfung werden. Persönlichkeit und Überlebensfähigkeit bilden sich über die Jahre erst heraus. Irgendwann beginnt der Mensch sogar, über Ohnmachtserfahrungen zu reflektieren und lernt, mit ihnen umzugehen. „Der Ausgangspunkt des Lebens ist eine extreme Ohnmacht, die als solche auch erfahren wird“, sagt Wirth und erinnert an das Weinen und Geschrei verzweifelter Säuglinge in dem Moment, in dem sich die Eltern von ihm abwenden. 

Die Jahre des Heranwachsens sind ein Prozess fortdauernder Selbstermächtigung. Der Mensch lernt nicht nur, seinen eigenen Körper zu steuern, sondern eben auch sein Umwelt und seine Beziehungen. Der Prozess dieser Selbstermächtigung setzt sich über das gesamte Leben fort. Er ist sozusagen das Lebensprogramm des einzelnen. Ohnmachtserfahrungen müssen schon von daher als schmerzhafte Rückschläge empfunden werden. 

„Das Ohnmachtsgefühl ist eines der kränkendsten und quälendsten Gefühle überhaupt“, sagt Wirth. „Das ist eine enorm schmerzhafte und verstörende Erfahrung“. Weil es den Menschen zurückwirft in den Zustand, dem er sich längst entwachsen glaubte. „Das Baby, das hilflos und elementar auf Zuwendung angewiesen ist, schreit in dem Moment, in dem die Zuwendung unterbrochen wird.“ Die Bedrohung durch diese  fundamentale Ohnmacht bleibe das Leben über immer bestehen, sagt Wirth. Etwa, wenn man ignoriert wird oder links liegen gelassen oder sogar gemobbt. Niemals wird der Mensch gänzlich  niemals unabhängig. Er ist sich seiner Gebrechlichkeit vor dem Hintergrund des Todes wohl bewusst, dem er ohnmächtig gegenüber steht. Und er befindet sich in starker Abhängigkeit von andere Menschen - und das ungeachtet dessen, wie viel Macht er tatsächlich auf sich vereint. 

„Die wichtigste und allgemeinste Folge der Ohnmacht ist die Wut, die besonders durch ihre Ohnmächtigkeit gekennzeichnet ist“, schrieb Erich Fromm in seinem Essay „Zum Gefühl der Ohnmacht“ 19xx. Ihr Zeil sie nicht wie bei anderen Arten der Wut die zielbewusste und aktive Vernichtung des Feindes, sondern sie ist viel vager, unbestimmter aber auch viel destruktiver gegen die Außenwelt und gegen das eigene Selbst gerichtet. Ständiger Begleiter der Ohnmacht ist die Angst. Das Tückische daran: Die Angst nährt wiederum das Ohnmachtsgefühl, welches die Angst vergrößert. Auch das schreibt Fromm. Als hätte der Philosoph und Analytiker den Verlauf der Postmoderne und auch das Internet-Zeitalter schon vorhergesehen, notiert er über den Menschen: „Aus dem Werk seiner Hände, bestimmt, ihm zu dienen und ihn zu beglücken, wird eine ihm entfremdete Welt, der er demütig und ohnmächtig gehorcht.“ Der Mensch produziere eine Welt der großartigsten und wunderbarsten Dinge; aber diese seine eigenen Geschöpfe stehen ihm fremd und drohend gegenüber; sind sie geschaffen, so fühlt er sich nicht mehr als ihr Herr, sondern als ihr Diener. 

Die fortdauernde Selbstermächtigung war nicht immer Lebensprogramm des Individuums. In den Zeiten vor der Aufklärung wurden soziale Verhältnisse, Armut und Krankheit  als gegeben hingenommen. Per Geburt hatte ein jeder in der Ständegesellschaft seinen Platz, den er durch eigene Anstrengung gar nicht, oder nur in Ausnahmefällen verändern konnte. Die Menschen kamen überhaupt nicht auf die Idee, sich ihres eigenen Verstandes zu bedienen. Sie litten unter ihrer Ohnmacht als Leibeigene und kamen gar nicht auf die Idee, diese in Fragen zu stellen. Doch das 18. Jahrhundert änderte alles, stellte das Individuum in den Mittelpunkt, das  in seiner Einmaligkeit und mit selbständigen Denken Vorrang vor der Gemeinschaft hat. Die Selbstentfaltung wurde zum Ziel menschlicher Bildung, die Gesellschaft hatte sich auf Rahmenbedingungen festzulegen, die diese Selbstentfaltung ermöglichten. Der Individualismus, der im 18. Jahrhundert seinen Anfang nimmt, wird über die folgenden zwei Jahrhunderte zum Treiber individueller Befreiung von Standeszugehörigkeit, religiösen und kulturellen Vorgaben des Feudal-Systems. Plötzlich kann der Mensch sich selbst entwerfen. Und er muss es auch. 

Heute allerdings ist das Postulat ein anderes: Das Individuum ist seines Glückes Schmied. Seine Selbstwirksamkeit liegt ganz und gar in seiner Hand. Es kann eine ganze Menge dafür tun. Lebenslanges Lernen wäre so etwas dafür. Man kann also sagen: Ein Ohnmachtsgefühl hängt von den Ansprüchen einer Gesellschaft ab. Früher waren die Ansprüche an die Selbstbestimmung weniger hoch. Die gesellschaftliche Ordnung war von Gott gegeben, die Ohnmacht des einzelnen war viel größer, wurde aber akzeptiert. Heute ist der Anspruch ein anderer und beruht auf Mitbestimmung entsprechend bestimmter Gerechtigkeitsvorstellungen. Und darauf, seines eigenen Glückes Schmied zu sein. Der Mensch ist einem regelrechten Machbarkeitswahn verfallen. Er müsse sich nur anstrengen und dauerhaft optimieren. Dann würden ihm die meisten Ohnmachtserfahrungen wohl erspart bleiben. In den Regalen der Buchhandlungen wimmelt es von Ratgeber-Literatur, mit der man sich immer weiter verbessern kann. Nein-Sagen ist ebenso lernbar, wie die Bewältigung von Panikattacken, Platzangst oder Agrophobie, von Konzentrations- oder Konditionsschwächen. Dabei hat diese Machbarkeitsillusion eine unangenehmer Kehrseite. Stellt sich Ohnmacht ein, ist sie auch noch selbstverschuldet. Man hätte die Dinge ja im Griff haben können, wenn man sich frühzeitig darum gekümmert hätte. Die Ohnmacht hat in diesem neuzeitlichen Konstrukt keinen Platz. Kein Wunder, das überall immer nur von Macht, kaum noch von Ohnmacht die Rede ist. 

Es gibt verschiedene Sozialforscher, die haben die Ohnmachtserfahrungen und deren sozialpolitische Folgen zu einem Neuzeitphänomen erhoben, das ganze Gesellschaften kennzeichnet. Der Psychoanalytiker und Sozialphilosoph Horst-Eberhard Richter verglich Ende der 70er in seinem umstrittenen Buch „Der Gotteskomplex“ den Menschen der Neuzeit sin seinem promethischen Aufstand mit Kindern, die plötzlich darauf bestehen, alles unter ihre Kontrolle zu bringen, weil sie  glauben, nur so der frühkindlichen Ohnmacht entkommen zu können.  IN seinem Buch wird die moderne westliche Zivilisation zur  psychosozialen Störung. Die Flucht aus mittelalterlicher Ohnmacht mündet in dem Anspruch auf egozentrische gottgleiche Allmacht. Die Allmachtphantasie ist Richters „Gotteskomplex“. Schwächen müssen beseitigt, Unvollkommenheit ausgemerzt und Ohnmachtsgefühle müssen verdrängt werden. Das Ergebnis ist eine Gesellscahft, die das Leiden verlernt, hat. Leiden hat immer mit Ohnmacht zu tun. Und die genau darf ja gerade nicht sein. Der Mensch hat, so könnte man es auch nennen, verlernt, Phasen der Ohnmacht zu ertragen. 

DAs Problem an der Sache ist allerdings, dass ausgerechnet die Fortschritt, der sich aus der fehlenden menschlichen Leidensfähigkeit ergibt, die menschliche Ohnmacht vergrößert. Die Beherrschung der Welt schürt die Ohnmacht im Fromm’schen Sinn: Sind wir nicht alle Diener der Globalisierung und Digitalisierung, der Hochleistungscomputer in unseren Händen, die wir ständig bedienen und füttern und die doch eigentlich dazu erfunden wurden, uns noch mehr Kontrolle über uns selbst und unser Umfeld zu ermöglichen? 

Die Ohnmacht nimmt nicht, wie erwartet ab. Sie nimmt vielleicht sogar zu, weil der Mensch diese „wunderbaren“ Dinge er schafft, von denen er einen Fortschritt und damit wieder ein Stück der Welt-Kontrolle erwartet. DAs heißt: mit jedem Fortschritt in Forschung und Entwicklung, mit jedem wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn und jeder technologischen Neuerung steigt der Anspruch,  sich die Welt weiter untertan zu machen. Doch die Ohnmachtsgefühle verschwinden nicht. 

Im Gegenteil, nie war das Klagen über die Zunahme an Neurosen, Depressionen und Angstzuständen größer als heute. Unlängst machten wieder einmal die Schulkinder Schlagzeilen, die der Druck schon im frühen Alter zu psychisch Geschädigten werden lässt. Vielleicht leiden sie gar nicht so sehr unter dem Druck als unter dem Ohnmachtsgefühl, diesem nichts entgegensetzen zu können, obwohl die Schule sie ja gerade zur Selbstwirksamkeit ausbilden soll. 

Seit Jahren behandelt der amerikanische Soziologe Richard Sennett die Orientierungslosigkeit und Ohnmacht des Individuums in der modernen Gesellschaft. Beschleunigte Arbeitsorganisation, wachsende Leistungsanforderungen, unsicherere Arbeitsverhältnisse und die Notwendigkeit, sich immer wieder auf das Neue einzustellen, stünden die Menschen vielfach ohnmächtig gegenüber. Der Druck auf das Individuum ist enorm gestiegen. Langfristig stabile Lebensumstände gehören immer mehr der Vergangenheit an. Angst, Hilflosigkeit, Verunsicherung befällt große Teile der Gesellschaft. Die vielzitierte Angst der Mitte vor dem Abstieg - egal ob berechtigt oder unberechtigt - sie ist immer noch da und rührt aus einer gefühlten Ohnmacht gegenüber dem rasanten Wandel unserer Zeit. Die Ohnmacht kann sich der Menschen regelrecht bemächtigen.

Und was macht sie mit ihnen? 

Hans-Jürgen Wirth nennt verschiedene Arten von Reaktionsmustern, um die Ohnmacht zu kompensieren.  Das ist die negative Variante: Aggression gegen andere als mögliche Form, Ohnmachtsgefühle zu kompensieren und gegenzusteuern. Oder im positiven Sinne: neue Projekte anfangen, sich auf anderen Feldern bewegen,  in denen man von Anfang an mehr Kontrolle hat und weniger ohnmächtig ist, die Suche also nach anderen Möglichkeiten. 

Kollektive Ohnmachtserfahrungen allerdings ziehen kollektive Reaktionsmuster nach sich: die Occupy-Bewegung zum Beispiel, die sich nach der Finanzkrise von 2008 formierte, wäre der gemeinschaftliche Versuch einer Selbstermächtigung, nachdem man ohnmächtig mit zusehen musste, wie hochgezahlte Banker die Finanzmärkte zum Zusammenbruch brachten und damit die Volkswirtschaften der Welt in veritable Krisen stürzten. Aber auch hier kommt es auf den Anspruch an, den eine Gesellschaft hat. Steigt die  Sensibilität für soziale Ungerechtigkeiten, sind die Ohnmachtsefahrungen entsprechend häufiger. Sie sind stark mit dem Gerechtigkeitsempfinden verknüpft. Die Wut, die mit der Ohnmachtsgefühl einhergeht, kann sich auch anders entladen und politisch sehr viel mehr Relevanz bekommen als die Occupy-Bewegung, von er längst niemand mehr spricht. Sie kann sich in Wahlergebnissen niederschlagen. „Trumps Sieg scheint klar in einem Gefühl wirtschaftlicher Machtlosigkeit begründet zu sein“, schrieb der Wirtschaftsnobelpreistäger Robert Stiller nach der Wahl. Viele, die Trump gewählt haben, deuteten seinen Slogan „Make America great again“ auf ihre persönliche Situation um: „Euch wieder groß machen.“ Das jedenfalls meint Shiller. „Trump spricht die Sprache der Wähler, aber seine Vorschläge gehen den Machtverlust, unter dem sie leiden, nicht an“, meint der Ökonom. Nur die merken das gar nicht. 

 

 

Die Teilzeitfrauen

Beste Berufschancen, beachtliche Erfolge und plötzlich Kinder. Immer wieder ziehen sich gut ausgebildete Frauen ins Private zurück und begnügen sich mit Halbtagsjobs. Warum eigentlich? Von Inge Kloepfer

 

Frauen in Deutschland wollen nicht unbedingt voll berufstätig sein. In der Altersklasse von 30 bis 54 Jahren arbeitet derzeit jede zwei Frau in Teilzeit. Und sie ist damit offenbar sehr zufrieden. Ein Großteil der Teilzeitfrauen will daran auch bis zur Rente nichts ändern. Mehr noch: Auch die vollzeitbeschäftigten Frauen sind auf dem Rückzug. Knapp die Hälfte von ihnen würde ihre Arbeitszeit nämlich gerne im Schnitt um neun Stunden reduzieren. Das alles hat das Bundesfamilienministerium gemeinsam mit dem Delta-Institut für Sozial- und Ökologieforschung in einer umfragebasierten Studie herausgefunden. Die Teilzeit-Frauen arbeiten im Durchschnitt 21,5 Stunden. Über die zukünftigen Konsequenzen dieser Entscheidung würden sie am liebsten gar nicht nachdenken. 

Verblüffend mag diese Haltung für die Wissenschaft oder die Politik sein, für den Normalbürger ist sie es nicht. Man muss sich nur in seiner Reihenaussiedlung, in Nachbarschaft oder Freundeskreis nur umhören, um sich dessen gewahr zu werden, was all die Vereinbarkeitsanstrengungen, Quoten und Frauenfördermaßnahmen in Bezug auf die Erwerbsbeteiligung von Frauen tatsächlich gebracht haben: im vergangenen Jahrzehnt tatsächlich sehr wenig. Vor allem die eigenen Kinder halten Frauen bis heute von der Karriere ab - aber nicht unbedingt wider Willen. Im Gegenteil: Es ist eine bewusste Entscheidung vieler Frauen, die Prioritäten auf die Familie und nicht auf den Job zu setzen. 

Kristina Schröder, die frühere Bundesfamilienministerin, ist eines der prominentesten Beispiele für diesen Trend. Sie war die erste und bisher einzige Ministerin,  die während ihrer Amtszeit Mutter wurde, nach acht Wochen wieder an ihrem Schreibtisch saß  und der schon ein Jahr vor Ende der Legislaturperiode klar war, dass sie die „intensive Familienphase nicht unter den Bedingungen einer Bundesministerin“ verbringen wollen würde.  „Natürlich war meine berufliche Postion als Bundesministerin extrem: Wie viele Urlaube habe ich unterbrochen, wie viele Wochenenden?“ Sie erinnere sich noch and die Eingewöhnungsphase ihrer ersten Tochter in der Kita und daran, wie sie in der Garderobe am Handy mit ihren Pressesprecher verbrachte. Nach Ende der Legislaturperiode zog sie sich auf ihr Bundestagsmandat zurück.  Als einfache Bundestagsabgeordnete bekam sie das zweite Kind. 2017 schied sie aus dem Parlament aus, um nach 15 Jahre des Abgeordneten-Daseins noch einmal etwas anderes zu machen. Im April 2018 kam das dritte Kind. Von Kristina Schröder ist heute allerdings nicht mehr so viel zu sehen oder zu hören wie früher, von dem einen oder anderen Talkshow-Auftritt und regelmäßigen Medien-Beiträgen einmal abgesehen. Sie hat sich weitgehend für die Teilzeit entschieden. Während des Telefonats sitzt sie in der Musikschule und hat ihre dritte Tochter auf dem Arm, während sie darauf wartet, dass die zweite ihre Stunde beendet. Die älteste kommt inzwischen von der Schule allein nach Hause. Mit 19 Jahren schrieb sie in der Abitur-Zeitung ihrer Schule, sie wolle „Ehe, Kinder und Karriere unter einen Hut bringen, ohne dass irgendein Teil darunter leidet und ohne jemals zur Feministin zu werden.“ Der letzte Punkt ist ihr mit Sicherheit gelungen, bei Kindern und Karriere aber hat sie sich nach einigen Jahren der Gleichzeitigkeit wie viele Frauen für ein Modell des Nacheinanders entschieden.

Die frühere Familienministerin passt damit  in eine im Sommer 2018 erschienene  amerikanische Studie der Denkfabrik „National Bureau of Economic Research“ mit dem Titel „Der Mami-Effekt“ (The Mommy-Effect), die der Frage nachgeht, warum nach Jahren des Aufholens der Frauen in Sachen Berufstätigkeit diese nun seit 20 bis 30 Jahren auf einem gewissen Niveau stagniert. Ihre Studie basiert auf britischen und amerikanischen Daten und zeigt: Der oft zitierte  Gender Gap ist  immer noch da, die Lücke zwischen männlicher und weiblicher Erwerbsbeteiligung lässt sich ganz unabhängig von familienpolitischen Maßnahmen eines Landes offenbar nur sehr schwer schließen. Dabei hätten, so heißt es weiter, die Frauen die  Voraussetzungen dafür ängst geschaffen: Sie haben in ihre Ausbildung investiert und ein Wissenskapital angehäuft, das dessen der Männer in nichts mehr  nachsteht, schreiben die Autoren. Und selbst in Ländern mit steigender Erwerbsbeteiligung, würde diese vor allem durch Teilzeitbeschäftigung in die Höhe getrieben. Warum also setzen die  Frauen ihr Arbeitsmarktpotential nicht in vollem Umfang ein? 

Die Antwort ist verblüffend: Ganze Kohorten jüngerer Frauen unterschätzten regelmäßig die Kosten, die für sie durch ihr Muttersein am Arbeitsplatz entstehen. Kosten definieren die Autoren als eine Mischung aus Geld, das für die Betreuung nötig ist, wenn sie außer Haus arbeiten, und der Zeit, die sie selbst für ihre Familie einsetzen wollen oder müssen. Darunter fallen aber auch die „emotionalen Kosten“, die durch die Trennung von den Kindern, durch Schuldgefühle gegenüber Familie und Arbeitgeber oder etwa durch zu wenig Schlaf anfallen. All das sei den Frauen vor der Familiengründung nicht bewusst. „Frauen unterschätzen  kurzfristige und langfristige Effekte, die eine Mutterschaft auf ihr Verhältnis zum Arbeitsmarkt hat.“ Offenbar unterliegen auch in Großbritannien oder den Vereinigten Staaten - mit ganz unterschiedlichen Formen der Familienförderung - Frauen der Illusion, dass sich Beruf und Familie so mir nichts, dir nichts in der Form vereinbaren lasse, dass keines der beiden Felder und schon gar nicht die arbeitende Frau und Mutter selbst darunter leidet. „Man könnte das Mutterwerden als eine Art Informationsschock bezeichnen, der sich dramatisch auf das Verhalten der Frauen niederschlägt“, heißt es in der Studie. „Die Wahrscheinlichkeit einer Anstellung nach der Geburt des Kindes sinkt für Frauen in den Vereinigten Staaten oder Großbritannien um 30 bis 40 Prozent“, schreiben die Autoren. Der Effekt setzt mit dem ersten Kind ein. Die Frauen erholen sich davon kaum. Der Schock wirkt nicht nur  lange nach. Er verstärkt sich sogar. Frauen, die direkt nach der Geburt einer festen Arbeit gegenüber skeptisch werden, sind es zwei Jahre später erst recht. Und noch stärker sind die Effekte, wenn das zweite Kind geboren wird. Besser wird das dann so schnell nicht mehr. Bei Vätern sind derlei Effekte nicht nachzuweisen. Dabei findet sich dieser Effekt des Unterschätzen der Arbeitskosten als Mutter vor allem bei gut ausgebildeten Frauen. Das war mal ganz anders: Noch in den 60er und frühen 70er Jahren haben die Frauen ihren Willen und ihre Chancen auf eine Rückkehr an den Arbeitsmarkt nach Geburt der Kinder regelmäßig viel zu niedrig eingeschätzt, heute tun sie das Gegenteil. 

„Genau in den Jahren, in denen die Frauen ihre Ausbildungs- und damit Investitionsentscheidungen in ihr eigenes Humankapital treffen, sagen sie die Kosten des Mutterwerden für ein Anstellungsverhältnis völlig falsch voraus.“ Genau das hat nach dem Abitur auch Kristina Schröder getan, die damals noch Köhler hieß und auszog, erst die Hochschulwelt  und dann die Welt der Politik für sich zu erobern.

Caitlyn Collins, Soziologin an der Universität Princeton, hat versucht, diesen Zusammenhängen mit einer Vielzahl von Tiefeninterviews zu Leibe zu rücken und das Buch „Making Motherhood Work“ dazu verfasst. Dafür hat sie sich nach London, Berlin und Stockholm begeben und vor allem zwei Dinge herausgefunden: Erstens wirkt sich die gemeinsame steuerliche Veranlagung negativ auf die Erwerbsbeteiligung der Frauen aus, denn Paare betrachten ihre beiden Einkommen zumindest in der Zeit, in der es zwischen ihnen einvernehmlich zugeht, als Familieneinkommen. Und zweitens tendieren Frauen, die Mutterschutz und Elternzeit in Anspruch nehmen dazu, ihren Anteil an der Hausarbeit deutlich auszuweiten. „Die arbeitspolitischen Maßnahmen für Frauen können dann den gegenteiligen Effekt haben und sich in einer niedrigeren Erwerbsbeteiligung, diskontinuierlichen Lebensläufen und geringeren Löhnen niederschlagen, die das Lebenseinkommen allesamt negativ beeinflussen.“ Auch die Außenwahrnehmung der Frauen verändert sich - vor allem dann, wenn sie  familienpolitische Maßnahmen wie eine längere Elternzeit in Anspruch nehmen. Sie werden als ‚less invested‘ in ihren Job und als für eine Beförderung weniger geeignet angesehen. 

Nur Schweden hält nach Collins Berichten die Chance auf die Paradiesstatus weiblicher Allmachtsvorstellungen bereit, es ist das kinderfreundliche Vorzeigland weiblicher Erwerbstätigkeit. Wer genauer hinguckt, sieht aber, dass es auch dort mit der Freiwilligkeit der Frauen und ihrer Berufstätigkeit nicht so weit her ist, wie die Statistiken suggerieren. Die Lebenshaltung ist so teuer, dass Familien zu zwei Vollzeitjob gezwungen werden. Studien zu Vollerwerbsbeteiligung der Mütter haben gezeigt, dass diese aber nicht unbedingt voll arbeiten wollen, sondern es müssen.

Was sagt uns das alles? Zunächst nur, dass Beruf und Familie ganz unabhängig von der familienpolitischen Ausrichtung eines Landes (noch) nicht so richtig zusammengehören, sondern als Gegensatzpaar erlebt werden. Zweitens,  dass Frauen bestimmte Dinge tun und andere  lassen und offensichtlich nicht unzufrieden dabei sind. Sie können nicht unbedingt alles haben, sondern müssen sich - zumindest ein bisschen - zwischen zwei völlig unterschiedlichen Dingen entscheiden. Und genau das tun auch - aus freien Stücken vermutlich. Emanzipation muss ja nicht bedeuten, dass mal alles gleichzeitig gleich gut oder gar nicht besser als die Männer bewältigt, sondern nur, dass man sich frei  entscheiden kann. 

Eine Wertung erfährt diese Entwicklung der steigenden Teilzeitbeschäftigung der Frauen erst dann, wenn man sie vor dem Hintergrund einer bestimmten gesellschaftlichen Zielvorstellung erzählt. Und da fällt die Wertung dieses Hangs zu Teilzeit  - je nach gewähltem Hintergrund - immer ein bisschen anders aus. 

Nehmen wir uns die erste vor: Kinder sollen möglichst gut betreut sein. Mütter und Väter, die mit ihrer Situation zufrieden sind, tun ihren Kindern gut. Das ist so banal wie Common Sense. Da die meisten Teilzeit-Frauen zum einen freiwillig in dieser Situation sind und zu 85 Prozent damit auch noch sehr zufrieden sind, weil sie so offenbar Kinder und Beruf am besten und mit geringster seelischer Belastung vereinbaren können, ist der hohe Anteil der Teilzeitbeschäftigung bei Frauen natürlich zu begrüßen. Fast 80 Prozent der Frauen, die sich in Teilzeit befinden, tun das nach einer Untersuchung des Wirschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung wegen der Kinder. Es wird hier allerdings nicht danach gefragt, in wie weit die Frauen die vielfach unbefriedigend Qualität der öffentlich-rechtlicher Kinderbetreuung in Deutschland zu kompensieren versuchen und gerade deshalb nicht voll arbeiten, weil sie ihre Kinder außer Haus nicht gut betreut sehen. Jeder weiß: Wenn das Vertrauen in die Kinderbetreuung nicht gut ist, werden weniger Eltern darauf zurückgreifen, sondern größte Teile der Betreuungsleistung lieber selbst übernehmen. Und das sind dann meistens die Frauen. 

Zweite Zielvorstellung: Angesichts der demographischen Entwicklung sollen möglichst viele Frauen voll arbeiten. Mit Brachialgewalt hat die CDU-geführte große Koalition unter Justizministerin Brigitte Zypries versucht, diese für Deutschland recht neue Zielvorstellung umzusetzen. Sie hat dafür eine Reform des Unterhaltsrechts durchgesetzt und den Frauen im Scheidungsfall die Unterhaltsansprüche gestrichen. „Einmal Zahnarztgattin immer Zahnarztgattin, das gilt nicht mehr.“ Beide Ehepartner sollten nach der Scheidung auf eigenen Beinen stehen. Das erfüllt sich allerdings nur, wenn beide auch arbeiten. Dazu musste man, so die Vorstellung vor allem die Frauen bringe. Die Streichung der Unterhaltsansprüche würde auf jeden Fall in diese Richtung wirken, so die Hoffnung. Wie die jüngste Statistik zeigt, wirkt das aber nicht. Die Rechtslage lässt  vor allem die Frauen kalt - zumindest solange sie nicht verheiratet sind. Zwar hat sich ihre Erwerbsbeteiligung seit der Gesetzesänderung 2008 deutlich erhöht. Aber: „Die Zunahme der Frauenbeschäftigung in den letzten zehn Jahren basiert fas allein auf mehr Teilzeitbeschäftigung“, steht in dem Bericht „Blickpunkt Arbeitsmarkt“ der Bundesagentur für Arbeit vom Juli 2018. Die Zahl der vollzeitbeschäftigten Frauen habe sich dauen faktisch nicht verändert. Bei den Männern hingegen treibt die Zunahme der Vollzeitbeschäftigung die Arbeitsmarktbilanz. Auch andere Anreize haben offenbar wenig Wirkung - bis jetzt. Wir brauchen die Frauen - das ist vor dem Hintergrund des demographisch bedingten Arbeitskräftemangels schon seit Jahren zu hören. Frauen sind so gut ausgebildet wie nie zuvor in der Geschichte, häufig sogar besser als die Männer. Dass nun so viele von ihnen selbstgewählt in Teilzeit arbeiten, ist unter dem Gesichtspunkt einer volkswirtschaftlich dringend notwendigen möglichst hohen Erwerbsbeteiligung äußerst schlecht. 

Dass die Frauen vor allem (endlich) von ihren Männern unabhängig werden sollen, ist eine weitere Zielvorstellung, vor deren Hintergrund die Flucht des weiblichen Geschlechts in die Teilzeit geradezu fatal ist. Teilzeitbeschäftigung führt nämlich direkt ins Gegenteil. Und das in doppeltem Sinne: Frauen bleiben von ihren Männern abhängig und werden es dazu wohl auch im Alter sein. Und sie werden im Fall der Trennung nur teilweise selbst versorgt sein. 60 Prozent der befragten Frauen gaben zudem auch noch  an, bis zur Rente in Teilzeit bleiben zu wollen. Dabei wissen sei genau, dass sie von ihrer eigenen Rente später nicht leben können. Ein Viertel will sich damit gar nicht erst befassen - zu deprimierend ist das Thema. Diese Ergebnisse bezeichneten die Autoren der vom Bundesfamilienministerium in Auftrag gegebenen Studie als „erschreckend“ und zwar genau deshalb, weil sich so viele Frauen freiwillig eine lebenslange finanzielle Abhängigkeit des Partners begeben. 

Einfluss und Gestaltungsmacht erobern sie sich auf diese Art und Weise in der Wirtschaft allerdings nicht. Die deutsche Wirtschaft ist männlich. Die Präsenz der Frauen in den Führungsetagen großer Unternehmen lässt noch immer auf sich warten. Im Vergleich zu Ländern wie Frankreich ist sie verschwindend gering. Das mag nicht nur an der berühmten „gläsernen Decke“, alt bewährter, noch immer hervorragend funktionierender Männerbünde liegen oder gar an einer unbewussten Wahrnehmungsverzerrung in Bezug auf weibliche Qualifikationen. Es liegt auch daran, dass sich wegen der TEilzeit-Vorliebe der Hälfte der erwerbstätigen Frauen eine größere Karriere schlicht nicht anbietet und damit auch die Grundgesamtheit derer um 50 Prozent reduziert, die für Führungspositionen in Frage kämen. Unter ambitionierten  Männern gibt es statisch eben sehr viel mehr Auswahl. „Ich hänge der altmodischen Auffassung an, dass die Präferenzen zwischen Männern und Frauen tatsächlich auch von Natur aus unterschiedlich sind“, sagt Kristina Schröder. Sie seien nicht ausschließlich kulturell oder anerzogen. In der Tendenz, schätzt sie, werde das so bleiben. An der Macht würden sich wohl nur mehr Frauen beteiligen, wenn sie dies tatsächlich auch in Teilzeit tun könnten. „Ich bin mir sicher: Da geht noch was in den Unternehmen“, sagt sie. 

 

„Ich habe dieses Projekt begonnen, weil ich skeptisch war, ob Frauen wirklich alles gleichermaßen haben können“, schreibt Caitlyn Collins am Ende ihres Buches. Dabei war das die Forderung der zweiten Welle des Feminismus Anfang dieses Jahrtausends, dass nämlich Frauen alles haben und alles sein können. Job und Kinder, Hauptverdiener und Caregiver. Aber das geht vielleicht gerade mal in Schweden, sonst nirgends. Noch nicht. 

 

Inflation

Die Wirtschaft boomt, die  Notenbanken machen das Geld billig. Doch die Preise steigen nicht - und niemand kann das erklären. Höchste Zeit für eine neue Inflationstheorie. Von Inge Kloepfer (erschienen am 17. Dezember 2017 in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung)

Besser könnte es kaum laufen. Zumindest für Deutschland nicht. Die Wirtschaftsleistung wird im kommenden Jahr wohl noch mal um mehr als 2 Prozent zulegen. Die Arbeitslosigkeit befindet sich mit weniger als 2,4 Millionen Erwerbslosen auf einem historischen Tiefstand. Auch das Umfeld lässt nicht viel zu wünschen übrig. Europa scheint sich von der Finanz- und Staatsschuldenkrise zu erholen. Der wirtschaftliche Aufschwung hat inzwischen alle EU-Länder erfasst, sogar Griechenland. Und in den Vereinigten Staaten sieht es nicht schlechter aus. Eigentlich genügend Grund zur Freude. Wäre da nicht die Sache mit der Inflation.

Die müsste nämlich langsam anziehen. Doch sie tut es nicht, obwohl viele Unternehmen mit dem Produzieren kaum hinterherkommen, die Zinsen niedrig sind und die Notenbanken seit nunmehr einem Jahrzehnt die Volkswirtschaften mit sehr viel Liquidität versorgen.

Dass die Preise trotzdem kaum steigen, kommt den Verbrauchern entgegen. Die Wirtschaftsfachleute aber stört es ganz erheblich. „Das Mysterium der ausbleibenden Inflation“ überschrieb der amerikanische Starökonom Nouriel Roubini unlängst einen Artikel und brachte damit das Unwohlsein seiner Zunft auf den Punkt: Die Wirtschaftswissenschaftler haben keine Erklärung dafür, warum die Preise nicht steigen. Ihre Modelle funktionieren nicht. Die Frage ist nun, ob sie nur gerade jetzt versagen – oder grundsätzlich nichts taugen. Roubini formuliert es so: „Ist niedrige Inflation nur ein vorübergehendes Phänomen? Oder ist die neue Lage jetzt normal?“

Zwei Standarderklärungen haben bisher die Diskussion um die Preisentwicklung bestimmt. Sie sind viele Jahrzehnte alt. Da ist zum einen das Modell der Phillips-Kurve, benannt nach dem britischen Volkswirtschaftler Alban William Phillips (1914–1975). Sie beschreibt den Zusammenhang zwischen Löhnen und Arbeitslosenquote: Wenn die Arbeitslosigkeit sinkt, steigen die Löhne. Tatsächlich hat der Wissenschaftler dies für die Jahre zwischen 1861 und 1957 in Großbritannien nachgewiesen. Später haben die amerikanischen Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Samuelson und Robert Solow diesen Zusammenhang auf die Inflationsrate bezogen. Sie sagen: Wenn die Wirtschaft boomt, dann brauchen die Unternehmen mehr Arbeitskräfte. Das beschert den Arbeitnehmern in den Gehaltsverhandlungen bessere Chancen. Die Löhne steigen und mit ihnen die Kosten der Unternehmen. Diese wälzen sie über höhere Preise auf ihre Kunden ab. Die Inflation zieht an.

Diese modifizierte Phillips-Kurve zeigt in einem Koordinatensystem, dass mit zunehmender Arbeitslosigkeit die Inflation sinkt und umgekehrt. Allzu stabil war dieser Zusammenhang zugegebenermaßen noch nie. Doch seit Anfang dieses Jahrhunderts ist fast überhaupt nichts mehr davon zu sehen. Weder gelingt es den Gewerkschaften, substantiell höhere Löhne auszuhandeln, obwohl die Unternehmen vielfach an der Kapazitätsgrenze produzieren und der Arbeitsmarkt vielerorts regelrecht leergefegt ist. Noch sehen sich die Unternehmen dazu in der Lage, Kostensteigerungen direkt an ihre Kunden weiterzugeben.

Das zweite Modell zur Erklärung der Inflationsrate geht auf den Chicagoer Nobelpreisträger Milton Friedman (1912–2006) zurück. Er glaubte nicht an die Beziehung zwischen Inflation und Arbeitslosenquote, sondern betrachtete Preissteigerungen als ein rein monetäres Phänomen. Einfach gesprochen: Ist die Liquiditätsausstattung einer Volkswirtschaft üppig, erhöhen sich auf Dauer auch die Preise. Zwar könne kurzfristig eine Steigerung der Geldmenge auch Effekte auf die Beschäftigung und die Realeinkommen erzielen. Aber die gingen vorüber. Es bleibe die Inflation.

Nun scheint auch Milton Friedmans Welt aus den Fugen. Liquidität gibt es schließlich mehr als genug. Die EZB hat in den vergangenen drei Jahren für 2243 Milliarden Euro Anleihen gekauft und damit Geld in die Volkswirtschaften Europas gepumpt. Schon vorher hat sie den Leitzins gesenkt, seit März 2016 liegt er bei null Prozent. In den Vereinigten Staaten läuft die große Geldpumpe der amerikanischen Notenbank sogar schon seit fast zehn Jahren. Das gab es seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs so noch nie. Hätten die Anhänger Friedmans recht, die Monetaristen, müssten als Folge der Notenbankpolitik die Preise längst kräftig steigen. Aber das ist noch immer nicht der Fall.

Besorgniserregend ist daran vor allem, dass niemand so recht weiß, warum. Kann es sein, dass die Inflation noch kommt – und dann vielleicht sogar außer Kontrolle gerät?

Dazu muss man wissen, dass die beiden traditionellen Inflationsmodelle aus einer Zeit stammen, in der Ökonomen sehr einflussreich waren. Sie prägten die Fiskalpolitik der Regierungen und die Geldpolitik der Notenbanken über Jahrzehnte. Die Zentralbanken trugen auf Basis dieser beiden Grundüberlegungen mal erfolgreicher, mal weniger erfolgreich zur Stabilisierung der Volkswirtschaften bei. Dabei hatten sie die Inflation und die Liquiditätsausstattung im Blick. Erstrebenswert erschien ihnen über Jahre bis heute eine Teuerungsrate von 2 Prozent. Eine überzeugende wissenschaftliche Begründung für dieses Ziel blieben sie jedoch schuldig.

Die zentralen Fragen lauten derzeit: Inwieweit taugen diese Modelle als Erklärungsversuche überhaupt noch? Befindet sich die Welt nach dem Ausbruch der Finanzkrise vor fast zehn Jahren im Ausnahmezustand, aus dem sie in absehbarer Zeit auf den Pfad der Lehrbuchmeinungen zurückkehrt? Oder gelten neue Zusammenhänge, für die eine Theorie erst noch formuliert werden muss?

Das hätte auch Konsequenzen für die Politik. Inzwischen gibt es zum Beispiel ernstzunehmende Zweifler am Inflationsziel von zwei Prozent, allen voran in der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ). Sie ist die Bank der Notenbanken, die älteste internationale Finanzorganisation, die nicht nur die Reserven der Zentralbanken verwaltet, sondern sich in Sachen Geldpolitik und Finanzmärkte auch als Denkfabrik versteht. Und die stellt fest: Der Zusammenhang zwischen der Auslastung der Betriebe und dem Preisauftrieb ist ziemlich schwach und nicht wirklich greifbar. Die Inflationsrate entwickelt sich unabhängig vom Zustand der nationalen Volkswirtschaften weltweit parallel. Löhne und Verbraucherpreise reagieren kaum noch auf die wirtschaftliche Entwicklung eines Landes.

Noch wollen die Wirtschaftswissenschaftler den alten Modellen allerdings nicht ganz den Garaus machen. Manche sprechen davon, dass die Kurve in dem Koordinatensystem von Lohn- und Preisentwicklung, von Arbeitslosigkeit und Inflation einfach nur flacher geworden ist. Flacher bedeutet: weniger elastisch. Das heißt, die Veränderungswirkung einer Größe auf die andere nimmt ab. Pragmatisch plädieren die Vordenker der BIZ deshalb dafür, das Inflationsziel von zwei Prozent auf null herabzusetzen. Das bedeute schließlich auch Preisstabilität.

Das sehen andere anders. Denn null Prozent liegt gefährlich nahe an der Schwelle zur Deflation, also einer Situation sinkender Preise, in der keiner mehr etwas kauft, weil alle auf weiter fallende Preise warten und keiner mehr etwas produziert, weil es nicht lohnt. Diese schier ausweglose Lage gab es schon mal: in der Weltwirtschaftskrise, die mit dem Börsencrash an der Wall Street im Oktober 1929 begann und eine weltweite Negativspirale in Gang setzte.

In den vergangenen zwei Jahrzehnten haben sich Politiker, Ökonomen und Zentralbanker mehr vor der Deflation als vor der Inflation gefürchtet, auch wenn es für eine negative Kettenreaktion in der Geschichte außer der Weltwirtschaftskrise kaum Beispiele gibt. Der New Yorker Ökonom Roubini etwa wundert sich, dass die Kerninflation (darunter versteht man die Preisentwicklungsrate unter Ausschluss der Öl- und Lebensmittelpreise) in den Vereinigten Staaten in diesem Jahr gefallen und in Europa und Japan hartnäckig niedrig ist. Auch BIZ-Chef-Ökonom Claudio Borio gesteht, dass es schwieriger wird, die Inflation zu verstehen. „Könnte es sein, dass wir weniger wissen, als wir denken?“, sagte er im September bei einem Vortrag in London, dem er ein Zitat aus „Alice im Wunderland“ voranstellte: „Sie trat durch den Spiegel, schaute sich um, und plötzlich war alles anders.

Es gibt verschiedene Erklärungsansätze für das neue Phänomen. Einer davon geht so: Die Inflation sei weder tot noch abwesend. Sie finde statt. Allerdings nicht in den Güterpreisen, sondern über die Preise für Vermögenswerte, vor allem für Immobilien. Da ist vielleicht was dran: In Deutschland wurden in diesem Jahr erstmals Immobilien im Gesamtwert von mehr als 200 Milliarden Euro verkauft. Das hat es in der Bundesrepublik noch nie gegeben. Wenigstens in Bezug auf Anlagegüter scheint der Satz von Milton Friedman immer noch zu gelten: „Inflation ist ein monetäres Phänomen.“ Es werde von der Notenbank geschaffen und von ihr gestoppt. Irgendwo muss die gigantische Ausweitung der Liquidität ihren Niederschlag ja finden. Manch einer spricht schon von einer Immobilienblase.

Enorme Preissteigerungen hat es auch auf den Finanzmärkten gegeben. Nur nennt man das dort nicht so, man spricht stattdessen von Kursgewinnen der Aktien. In den vergangenen Jahren sind die Aktienindizes weltweit in immer neue Höhen gestiegen. Der deutsche Aktienindex Dax beispielsweise stand im März 2009 bei 3.700 Punkten. Heute liegt sein Niveau bei mehr als 13.000 Punkten. Auch der Kunstmarkt ist regelrecht explodiert. Offenbar sind das die Felder, in die vermögende Privatleute und Unternehmen mehr und mehr investieren.

Vermögenswerte wie Aktien und Immobilien finden sich allerdings nicht in den Warenkörben der Notenbanken, mit denen diejenigen Inflationsraten berechnet werden, auf die es die Notenbanker abgesehen haben. Man könnte es auch so ausdrücken: Die Notenbanken sind zwar in der Lage, mit ihrer Liquidität die Inflation zu entfachen. Aber sie tun dies derzeit offenbar an der falschen, vielleicht sogar sozial gefährlichen Stelle. Denn die Preissteigerung bei Vermögenswerten befördert die Ungleichheit: Die Reichen, die in Aktien, Immobilien oder teure Kunst investieren können, werden durch die Preissteigerungen in diesen Anlageklassen noch reicher. Der Ökonom Thomas Mayer von der Kölner Vermögensverwaltung Flossbach von Storch hat mit einem eigens geschaffenen Vermögenspreisindex berechnet, dass im dritten Quartal dieses Jahres die Vermögenspreisinflation einen Rekordwert von 8,7 Prozent erreicht hat. Kleinsparer dagegen, die auf Sparbücher, Bankeinlagen, Rentenpapiere und Lebensversicherungen angewiesen sind, verlieren. Seit 2010 haben sie Studien zufolge durch die niedrigen Zinsen 340 Milliarden Euro an Vermögen eingebüßt.

Es gibt noch andere Erklärungsversuche als diesen für die ausbleibende Inflation in den Messungen der Notenbanken. Etwa die durch „Schocks“. Das sind außergewöhnliche Vorkommnisse (der Ölpreisschock) oder extreme Ereignisse (die Finanzkrise 2008), auf die sich die Wissenschaftler beziehen, wenn etwas ihre Modelle durcheinanderwirbelt. Derzeit sprechen sie von einem „Angebotsschock“ und meinen die Globalisierung, Digitalisierung sowie die vom Internet bewirkte totale Transparenz der Gütermärkte, die es früher nicht gab. Schocks haben für Ökonomen etwas ungemein Praktisches: Sie stören ihre Modelle zwar, heben sie aber nicht aus den Angeln.

Man kann diese vermeintlichen Schocks auf der Angebotsseite der Wirtschaft durchdeklinieren: Da ist zum einen die Globalisierung, die zu einem verschärften Wettbewerb zwischen den Volkswirtschaften führt. Die Wertschöpfungsketten verlängern sich, die Arbeitsteilung steigt. Dabei sorgt die internationale Vernetzung nicht nur für mehr Wettbewerb auf den Güter-, sondern auch auf den Arbeitsmärkten. Unternehmen können ihren Arbeitskräftebedarf viel einfacher als früher jenseits ihres Landes befriedigen. Die nationalen Gewerkschaften verlieren dadurch an Einfluss. Selbst wenn die eine oder andere große Volkswirtschaft heiß läuft, kommen steigende Löhne als Inflationstreiber dann nicht mehr in Frage. Es gibt immer mehr Ausweichmöglichkeiten für die Unternehmen. Die Digitalisierung und das Internet vergrößern diese nur noch, sind der Turbo der Globalisierung. Nicht mehr das einzelne Land, sondern die ganze Welt ist der Produktions-, Beschaffungs- und Absatzstandort.

Umgekehrt hat die Digitalisierung aber auch alle Verbraucher in der weltweiten Ökonomie zu Schnäppchenjägern werden lassen. Auch wenn der Online-Handel erst einen Bruchteil des Einzelhandels ausmacht, vereitelt die globale Vergleichbarkeit der Preise doch Preissteigerungen vor Ort.

Schließlich stellt die Digitalisierung auch die Fertigungsprozesse auf den Kopf. Sie wirkt effizienz- und produktivitätssteigernd – noch nicht in allen Branchen, aber schon in vielen. Preistreibend ist das nicht, im Gegenteil: Die Stückkosten sinken. Glaubt man den Auguren der Digitalisierung, dann steht die eigentliche Revolution in diesem Punkt erst noch bevor. Es gibt sogar Erklärungsversuche, die auch den wachsenden Anteil der Sharing-Ökonomie dafür anführen, dass die Preise einfach nicht steigen.

Man kann daran zweifeln, dass es sich hier wirklich nur um einen Schock handelt. Ist es nicht vielmehr ein ausgewachsener Paradigmenwechsel, der alles verändert? Immerhin hat sich die Digitalisierung seit den neunziger Jahren Schritt für Schritt althergebrachter Verhaltensweisen bemächtigt und sie umgekrempelt. Geschäftsmodelle geraten ins Wanken, neue entstehen. Eine Branche nach der anderen wird zu radikalen Anpassungen gezwungen nach der Devise: Wer nicht mitzieht, der hat keine Überlebenschance. Das gilt von der Energiewirtschaft über die Mobilität, das Hotel- und Gaststättengewerbe, den Einzelhandel und die Banken bis hin zur Investitionsgüterindustrie. Sogar die Arbeitsmärkte sind diesem Wandel unterworfen. Die „kreative Zerstörung“, einst von Joseph Schumpeter (1883–1950) beschrieben, hat seit der industriellen Revolution nicht mehr so umfassend gewirkt wie heute.

Und wenn sich nach der Meinung von Politikern, Wissenschaftlern und Trendforschern Lebensverhältnisse und Gewohnheiten, vom Konsum über die Arbeit bis hin zum Lernen, tatsächlich revolutionieren – warum sollten dann ausgerechnet die traditionellen Erklärungsversuche zur Inflationsentwicklung davon nicht berührt bleiben? „Der Versuch, die gegenwärtige Lage an der Inflationsfront monokausal zu erklären, ist zum Scheitern verurteilt“, konstatierte der Würzburger Wirtschaftswissenschaftler Norbert Berthold unlängst im Blog „Wirtschaftliche Freiheit“.

Wie also geht es weiter? Eine wichtige Determinante der Inflation sind die Erwartungen der Marktteilnehmer. In der Regel kann man sagen, dass Inflationserwartungen ein guter Vorläufer für tatsächlich steigende Preise sind. Erst vor ein paar Tagen hat das Münchener Ifo-Institut für Wirtschaftsforschung für Deutschland 2,6 Prozent Wachstum im Jahr 2018 und eine steigende Inflationsrate vorhergesagt: „Die Überauslastung der gesamtwirtschaftlichen Kapazitäten dürfte im Prognosezeitraum spürbar zunehmen, und der Lohn- und Preisanstieg verstärkt sich.“ Ob diese Inflationsvorhersage endlich eintrifft und die Welt der Ökonomen wieder in Ordnung bringt? Vielleicht ist die Prognose aber auch wieder nur dem Denken in Phillips-Kurvenzusammenhängen geschuldet, weil es für die Forscher so ungewohnt und daher schwierig ist, Wirtschaftsboom und Preissteigerungen gedanklich voneinander zu trennen. Die Volkswirtschaften sind diesem herkömmlichen Modell aber offensichtlich entwachsen. Und ein neues, allgemein anerkanntes Inflationsmodell ist noch nicht gefunden. Bis es so weit ist, bleibt die ausbleibende Inflation auch für die Fachleute in den Notenbanken ein Rätsel. Janet Yellen, die scheidende amerikanische Notenbankchefin, drückte das vor kurzem trocken so aus: „Wir freuen uns auf die Erkenntnisse der Ökonomen, die uns in der Zukunft hilfreich sein können.“

(Grafiken dazu unter: http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/trotz-lockerer-geldpolitik-steigt-die-inflation-nicht-15344126.html?printPagedArticle=true#pageIndex_0)

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